A wie Altenheim

A wie Altenheim

Zwölf alte Menschen in dem kleinen, schlecht gelüfteten Aufenthaltsraum. Der Mann im Rollstuhl ist verschnupft. Der Schnodder rinnt ihm über die Lippen und tropft ihm auf seinen Pullover. Ab und zu leckt er ihn ab. Hinten links in der Ecke die Frau schreit alle zwei Minuten laut um Hilfe. Der Rollstuhl von Herrn Wenkert wurde vor die Wand geschoben. Verzweifelt versucht er den Kopf zu drehen, um etwas zu sehen. Von meinem Platz aus kann ich auf den langen Flur schauen. Stundenlang starre ich auf die Wand, die gegenüber der großen Glastür liegt. Die Scheiben brechen das Licht. Das Flimmern und Glitzern fasziniert mich und macht mir gleichzeitig Angst. „Elfi. Elfiii. Elfi!“ Ich höre meinen Namen. Bestimmt ruft wieder die Frau, die mich jeden Tag zum Mensch ärger Dich nicht Spielen zwingen will. Wenn ich jetzt zu ihr hinschaue, verpasse ich bestimmt die schönsten Lichtreflexe. Wenn ich nur wüsste, wie ich ihr sagen kann, dass ich lieber auf die Wand schauen möchte, statt mit ihr zu spielen.

Das Sprechen verließ mich ganz langsam. Als Hans starb war niemand mehr da, mit dem ich Reden konnte. Die Kinder ließen sich ja nicht blicken. Anfangs führte ich Selbstgespräche. Das tue ich heute ja auch noch. Aber nicht mehr mit der Stimme, nur noch in Gedanken. Die Frau ruft immer noch nach mir. Warum nur, kann niemand meine Gedanken hören? Ein harter Griff an meinem Arm. Es zieht mich weg von meinem Platz. Die Wand verschwindet vor meinen Augen. Das Spiel der Farben – weg. In der Hoffnung, dass ich in meinem Alter es noch lernen könnte, durch den Mauervorsprung schauen zu können, blicke ich die Frau immer noch nicht an. „Ach Elfi, heute kann man wieder nicht zu dir durchdringen.“, seufzt diese und legt mir den Würfel in die Hand. Verdammt, ich will aber nicht würfeln. Wütend werfe ich den Würfel weg. „Eine Sechs, Du darfst noch mal.“, ruft meine Peinigerin und legt mir den Würfel noch mal in die Hand. Wieder schleudere ich ihn fort. „Eine Vier. Du kannst mich rausschmeißen.“ Ach, wenn ich es doch nur wirklich könnte. Resigniert lasse ich die Frau meine Hand nehmen und die Spielfigur über das Brett setzen. Noch immer blicke ich nicht hin. Ich sehne mich nach dem bunten Flimmern an der weißen Wand.

Ich bin hier, weil ich nicht weiß ob heute Montag oder Freitag ist und ich STUHL nicht rückwärts buchstabieren kann. Wie man spricht habe ich vergessen und in meiner Phantasie lebt meine Großmutter noch. Was ist so schlimm daran, dass man mich mit diesen verrückten alten Menschen zusammensperrt und mir das Lichtspiel wegnimmt? Natürlich weiß ich, wie man Mensch ärgere Dich nicht spielt. Aber ich mochte es als Kind schon nicht. Dafür habe ich stundenlang durch mein Prisma geschaut und Farbentänze und Formenspiele beobachtet. Mir fehlt mein großer abgewetzter Ohrensessel in dem ich immer bei Hans auf dem Schoß saß. Stundenlang haben wir aus dem Fenster geschaut. Zugesehen wie die Sonne ihre Farben wechselte, die Dunkelheit sich gegen die gleißenden Strahlen der Laternen nicht durchsetzen konnte. Wir konnten unsere Gedanken hören. Viel geredet haben wir nie. Uns war nicht so wichtig ob es Sonntag oder Mittwoch war. Wir hatten uns und unsere Gedanken und das Licht und den Schatten.

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