Ä wie… immerhin kommt Äpfel drin vor

Ä wie… immerhin kommt Äpfel drin vor

Die Verwandlungen des Marvin Linden[1]

Marvin Linden ist Verkehrsteilnehmer. Wie könnte er es auch nicht sein? Jeder muss ja mal auf die Straße. Jung, dynamisch und gesundheitsbewusst, so würde er selbst sich charakterisieren. Sein gut bezahlter Job ermöglicht es ihm, mehrere Fahrzeuge sein eigen nennen zu dürfen. Der dunkelhaarige Frauenschwarm fährt einen BMW X3 Efficient Dynamics, ein Hybridauto. Klimaschutz ist ihm wichtig. Er demonstriert es nur nicht mit Birkenstock und Schafwollpulli. Kurze Strecken fährt er mit dem Rad. Im Sommer macht er ganz gern mit seinem Bikerclub ausgiebige Touren durch den Schwarzwald. Ein schlechtes Gewissen muss er deswegen nicht haben. Motorräder verursachen nur etwa ein Prozent des  Gesamt CO₂-Ausstoßes.

Herr Linden ist auf dem Weg zur Arbeit. Mit dem Auto fährt er zum Bahnhof. Jeden zweiten Tag läuft er Gefahr, seinen Zug zu verpassen. Fußgänger stürzen kurz vor ihm auf die Straße, so dass er eine Vollbremsung machen muss. Knapp hundert Meter weiter ist die Ampel. Kopfschüttelnd fährt Marvin weiter. ‚Diese Fußgänger sind ja wohl lebensmüde‘, denkt er sich. Kurz vorm Bahnhof gelingt es ihm, auszuweichen, als ein Radfahrer ohne Licht und Reflektoren kraftvoll in die Pedale tritt und ihm fast vors Auto gerät.

Die tägliche Zugfahrt ist meistens sehr unterhaltsam. Entspannt setzt Marvin sich auf einen Platz und schaut sich um. Gegenüber sitzt eine Frau in einem dicken gestrickten Pullover, der einen Hauch von Schafstallaroma verbreitet. Aus ihre Jutetasche nimmt sie ein Buch: „Europa – Die perfekte Darmpflege“. Ungläubig liest Marvin den Titel noch einmal. Er kann nicht fassen, dass es dieses Buch in die „Bahnlektüre Reisender“ geschafft hat. Was die Politiker so alles bedenken müssen. Marvin dachte, dass die Berechnung des Krümmungswinkels einer Salatgurke das Kniffeligste wäre, womit sich die Kommissionen beschäftigen. Man lernt eben wirklich nie aus.

Kopfschüttelnd schaut er sich weiter um. Im Gang steht ein Junge. Er holt sich einen Apfel aus dem Ranzen, macht diesen wieder zu und setzt sich drauf. Clever die Schüler, die haben ihren Sitzplatz immer dabei. Mit seinem schmuddeligen Jackenärmel reibt der Junge über seinen Apfel, schaut einen Moment andächtig auf den Glanz und will gerade so richtig herzhaft reinbeißen, als die Darmpflegeexpertin kreischt: „Neeiiiin!“

Erschrocken lässt der Junge seinen Apfel fallen und die anderen Fahrgäste recken die Hälse. Der Junge, nicht ahnend, dass er gemeint war, kriecht erst mal unter den Sitzen rum und sucht seine Vitamine. Mit dem Apfel in der Hand, setzt er sich wieder auf seinen Schulranzen. Ein zweites Mal muss die Jacke herhalten und er drückt ein wenig auf der Stelle herum, die der Apfel wohl bei seiner kurzen Reise unter die Sitze bekommen haben muss. Der Junge schließt die Augen und hebt den Apfel in Zeitlupe in Richtung Mund. Diese Hingabe hat etwas Meditatives. Doch auch der zweite Versuch, sein Obst zu verzehren, soll an der Mission „Europäische Darmkur“ scheitern. Die Frau erklärt dem Jungen lang und breit, dass er krank werden kann, wenn er den Apfel nicht abspült, bevor er ihn isst. „Aber meine Mutter sagt, Äpfel sind gesund.“  „Ja, aber die Äpfel müssen sauber sein.“ „Ist er doch, ich habe ihn mit meinem Ärmel auf Hochglanz poliert.“ „Aber deine Jacke ist doch auch nicht sauber.“ Zweifelnd schaut der Junge seinen Ärmel an, grinst und sagt: „Na und! Dreck reinigt den Magen.“  Auch Marvin kann ein Grinsen nicht unterdrücken.

In Freiburg  angekommen, beeilt Marvin sich, aus dem Zug zu kommen. Vorm Bahnhof ist es schier unmöglich die Straße zu überqueren. Kurzerhand hastet er vor einem dunkelblauen Ford über die Straße. Der Fahrer hupt und hebt drohend die Faust. ‚Diese Autofahrer‘,  denkt Marvin sich Kopf schüttelnd und sprintet in Richtung Büro. Dabei rennt er fast einem Radfahrer in den Lenker. Völlig außer Atem und auf die Sekunde pünktlich betritt er sein Büro. „So ein Weg zur Arbeit ist lebensgefährlich“, presst Marvin hervor, während er im Schneckentempo auf seinen Stuhl plumpst. Ein Hupen draußen, reißt ihn aus seinen Gedanken. Ihm wird gerade klar, dass er sich in Sekundenschnelle völlig verwandeln kann. Droht er gerade noch einem Fußgänger unter Hupen mit der Faust, legt er seine aggressive Autofahrermentalität just in dem Moment ab, wo er den ersten Schritt vom Parkplatz tut. In einem Affentempo wird er selbst zum „Beirotüberdiestraßesprinter“. Ist er mit dem Rad unterwegs, scheinen ihm die Autofahrer rücksichtslos und die Fußgänger leichtsinnig zu sein. Wie riskant er mit dem Motorrad die Kurven schneidet, weil er die Rücksichtnahme aller vorausschauend fahrender Autolenker in Anspruch nimmt, daran mag er im Moment gar nicht denken. Verwundert stellt Marvin Linden fest, dass er verschiedene Rollen spielt und fragt sich, ob er sich vielleicht sogar selbst überfahren kann, wenn er schnell genug vom Motorisierten zum Fußgänger wird. „Ich glaub ich werd verrückt.  Das grenzt schon an multipler Persönlichkeit“, denkt  Marvin und nimmt sich vor, mehr Rücksicht zu nehmen, egal wie und womit er gerade unterwegs ist.


[1] Namen frei erfunden

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