Am Meer

Am Meer

Ein unvergessliches Erlebnis. Ich glaube, es war das erste Mal nach dem Tod meines Mannes, dass ich so richtig schallend gelacht habe, wenn auch unter Wasser. Es war im Jahr 1995…

Nach dem Tod meines Mannes bin ich wieder näher zu meiner Familie gezogen. Meine Kinder waren gern bei meinen Eltern auf dem Bauernhof und auch einige meiner Geschwister wohnten in der Nähe. Ganz aufs Dorf wollte ich nicht, so zog ich in die Kreisstadt, in der auch ein Bruder mit Familie wohnte. Obwohl ich frisch zugezogen war, klingelte es dauernd an meiner Tür. Der Postbote, meine Nichte, die Zeugen Jehovas und Bekannte aus früheren Zeiten, die erfahren haben, dass ich zurück bin. Mein Bruder und seine Frau kündigten sich immer telefonisch an. Dadurch, dass ich recht schnell wieder in meiner alten Gemeinde bei der Landeskirchlichen Gemeinschaft aktiv wurde, hatte ich dummerweise meistens keine Zeit, wenn die beiden mich besuchen wollten. Entweder gab ich Gitarrenunterricht oder probte mit meiner Saitenspielgruppe. So kam es, dass wir uns immer nur bei meinen Eltern, die 10 km entfernt wohnten, trafen.

Mit meiner Schwägerin ist aus unserer Familie niemand so richtig warm geworden und wir gingen uns so gut es ging, aus dem Weg. Streit gab es keinen, aber sie nervte einfach. Trotzdem schätzte jeder, dass sie meinen Bruder so unter ihre Fuchtel genommen hat. Der brauchte das! Ich wohnte etwa sechs Wochen in der Stadt, da lud meine Schwägerin mich zu einem Ausflug nach Stralsund an die Ostsee ein. Wir hatten alle kein Auto und wollten mit dem Zug fahren. „Jaaa, an den Strand“, kreischten meine Kinder. Was muss sie mich auch an der Kaffeetafel fragen. „Nu geh doch mal mit!“, mischte sich meine Mutter ein. „Ok, abgemacht. Nächsten Samstag aber, Sonntag kann ich nicht, da haben wir einen Auftritt.“

Mir graute ein wenig vor dem Ausflug. Die Frau meines Bruders ist sehr laut. Sie kann quasi gar nicht leise reden. Jeder zweite Satz ist: „Was sollen die Nachbarn sagen?“ und extrem laut ruft sie nach meinem Bruder „Kalliiiii“. Kein Mensch würde seinen Sohn, der Mario heißt „Majo“ rufen, wenn die Schwester nicht Ketchup sondern Klaudi a, heißt. Echt, zwischen dem Klaudi und dem a war immer eine Pause. Optisch war meine Schwägerin nun auch nicht grad ein Model. Eine Oberweite von 5 Doppel X sorgte dafür, dass ihre Knöpfe von den Blusen sprangen, sobald sie tief Luft holte um „Kalliiii“ zu rufen. Einmal sprang ein Knopf auf die Geburtstagstorte meiner Mutter und Tante Gertrud hat ihn mitgegessen.  Auch der Rest der Figur war eher XXL. Seltsamerweise hatte sie relativ dünne Beine, die unter ihrem wuchtigen Oberkörper ziemlich komisch wirkten. Weil sie immer irgendwie Aufmerksamkeit erregte, war sie mir peinlich.

Es wurde Freitag, das Wetter war vielversprechend. „Wie schade“, dachte ich. Bei Regen hätte man den Ausflug absagen können. Eine ganze Woche lang hatten meine Töchter ihre Badeanzüge anprobiert und sortiert. Die Kleine war noch keine drei und wollte unbedingt ihren ersten Bikini ausprobieren. Samstag früh, zog ich mir meinen Badeanzug gleich an und nahm zwei weitere mit. Marie-Sophie, meine kleine Tochter, saß noch im Sportwagen, so konnte ich die Badesachen gut im Korb verstauen. Zwei Decken lagen oben drauf, Anne-Kristin, die größere zog einen Buggy mit Buddelzeug hinter sich her und ein Tag am Strand in der Sonne konnte beginnen. Ich begann mich sogar ein wenig zu freuen und nahm mir fest vor, mit meinen Kindern auch allein an den Strand zu fahren, so oft es ging. Dazu brauche ich doch meine blöde Schwägerin nicht…

In Stralsund angekommen zogen wir als Rudel Landpflanzen durch die Innenstadt in Richtung Wasser. Es war heiß und jeder wollte sofort ins Kühle Nass. Das änderte sich schlagartig nachdem wir den großen Zeh mal ins Wasser hielten. „Puuhhh, kälter als ich dachte.“

Wir hatten uns ein schönes Plätzchen ausgesucht und unsere Sachen ausgebreitet. Meine Kinder waren fett eingecremt und buddelten schon im Sand. Ich saß mit meinem Buch auf einer Decke. Mein Bruder wickelte sich ein Handtuch um die Lenden und zog seine Badehose an und seine Frau saß erst einmal reglos auf einem kleinen Handtuch. Nachdem mein Bruder seine Genitalien durch Hüpfen und Springen und Zurechtrücken in Position gebracht hatte, zog er schwungvoll das Handtuch von den Hüften und hielt es ausgebreitet wie zum Stierkampf. Das Handtuch hatte die übliche Größe – also war kein Duschtuch, war also relativ klein. Gehen Stiere auf rote Tücher los, wird meine Schwägerin scheinbar auf dunkelgrün und gelbkarierte Handtücher unruhig. Sie zog ein schwarzes Stöffchen aus der Tasche und wälzte sich im Sand. Nach einer Weile bemerkte ich, dass es ihre Art war, sich einen Badeanzug anzuziehen. Liegend! Mein Bruder tanzte mit dem Handtuch um sie herum, beugte sich über sie und versuchte mit dem 50 x100 cm-großen oder kleinen Stück Frottee seine übergewichtige Frau zu be- oder verdecken. Das gelang natürlich nur teilweise, jeweils mit einzelnen Teilen des Körpers.

Von weitem beobachteten einige kichernd dies Schauspiel. Andere schauten besorgt. Ich wartete auf den Moment wo Jemand herbei stürmt und ruft: „Ich bin Arzt, das ist sicher ein epileptischer Anfall!“ Fassungslos saß ich auf meiner Decke, während mir der Dreck um die Ohren flog. Irgendwann nach unendlich langen peinlichen Minuten war es dann soweit. Kalliiiis Frau setzte sich auf, zog an dem schwarzen Stretch, stopfte ihren Atombusen rein, wobei sie sich große Teile davon unter die Arme klemmte. Vor ihrer Brust hing ein dünnes Bändchen. Ist ja mal wieder typisch, dass die Schwächsten der Gesellschaft, die ganze Last tragen sollen, bildlich gesehen. Sie hob das Bändchen an und wollte es über ihren Kopf ziehen, damit dieses winzige, verletzliche Schnürchen die geballte Ladung Presswurst halten sollte. Dabei beugte sie ihren Kopf soweit vor, dass ich befürchtete, sie würde in ihrem eigenen Busen ersticken. Endlich! Geschafft! Der Kopf hebt sich. PENG! Die Schnur reißt.

In dem Moment bahnt sich in mir ein Lachen seinen Weg nach oben. „Wehe du lachst“, gibt mein Bruder mir mit seinem bösen Blick zu verstehen. „Beherrsch Dich!“, sage ich zu mir. Aber es geht nicht! Ich springe auf, renne los und stürze mich in die eiskalten Fluten und lache und lache und lache. Vor lauter Angst man könnte mich am Strand hören, lache ich zum Teil unter Wasser. Immer wenn ich gerade wieder aus dem kalten Wasser will und meine Schwägerin sehe, bricht es von Neuem aus mir hervor.

Noch heute, wenn ich nur daran denke… lache ich mich kaputt.

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