Charles

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Charles ist Student für Kulturgeschichte. Um seinen Lebenslauf ein wenig aufzuwerten, entschließt er sich, ein Praktikum zu absolvieren. Im Museum für Stadtgeschichte der kleinen Universitätsstadt darf er sein Organisationstalent unter Beweis stellen. Die weltweit erste Ausstellung ausrangierter Putztücher soll er in Eigenregie als Praxisprojekt betreuen. „Genau darauf hat die Welt doch gewartet!“, denkt Charles sich und macht sich ans Werk.

Hundertzwanzig Quadratmeter Fläche sind mit alten Putzlappen zu bestücken, die kunstvoll drapiert in verschlossenen Glaskästen liegen. Das hat Charles durchgesetzt, damit auch Allergiker die Ausstellung besuchen können. Mit der örtlichen Presse zusammen wurde zeitgleich ein Mal- und Fotowettbewerb zum Thema Putzen ausgerufen. Die besten Einsendungen werden präsentiert und eine Jury kürt jeweils einen Maler und einen Fotografen, die ein lebenslanges Abo auf freien Eintritt gewinnen. Charles arbeitet unermüdlich an diesem – aus seiner Sicht überaus sinnlosem – Projekt und überwirft sich dauernd mit dem Leiter des Museums für Stadtgeschichte. Gott sei Dank ist mit dem Tag der Eröffnung auch sein Praktikum zu Ende.

Als die Vorbereitungen zur Eröffnung in die Endphase gehen, sieht Charles die Eintrittskarten für die Feierlichkeiten mit dem Oberbürgermeister und der Creme de la Creme der Stadt offen auf dem Schreibtisch der Sekretärin liegen. Er greift sich einen Stapel und steckt sich die Karten ein. Es ist vorgesehen, dass jeder, der so eine Karte hat, eingelassen wird. Der Oberbürgermeister wird eine Rede halten, die Maler und Fotografen werden geehrt und im Anschluss wird zu einem Umtrunk am Büffet geladen. Sponsor hierfür ist die Reinigungsfirma, die dem Schwager des Bürgermeisters gehört.

In seiner Freizeit arbeitet Charles ehrenamtlich in der Suppenküche der Bahnhofsmission. Es erfüllt ihn mit Freude, wenn er den hungrigen und frierenden Obdachlosen das Essen reicht und ein zahnloses Lächeln erntet. Zwei Tage vor der Ausstellungseröffnung reicht er die Eintrittskarten zum Dessert und sagt den Männern und Frauen in den abgewetzten und zerschlissenen Kleidern: „Übermorgen geht dort hin. Es gibt kostenloses Essen und Bier. Ihr braucht nicht zu früh erscheinen, es ist reichlich da.“ Die Leute freuen sich und Charles grinst voller Vorfreude auf die Gesichter der blasierten Oberen der Stadt. Oskar fragt, ob Hunde auch rein dürfen. „Klar!“ Die Frau vom Chefarzt bringt ihre Trethupe ja auch immer mit. Er freut sich schon riesig auf die entgeisterten Gesichter der “besseren” Gesellschaft und findet, dass diese Aktion eine angemessene Entschädigung für die Streitereien mit dem Museumsleiter ist.

Am Einlass zur Ausstellung herrscht große Aufregung als die ersten Obdachlosen ihre schrillen Hochglanztickets aus den fleckigen Hosentaschen ziehen und die großen zottigen Hunde sabbernd alles beschnuppern. Keiner weiß, wie die Wohnungslosen an die Karten gekommen sind, aber man ist zu gut erzogen, um sie nicht einzulassen. Es sind ja auch vorerst nur drei oder fünf. Unsicher schlurft das Grüppchen von einer Ecke in die andere und beschließt, erst einmal abzuwarten. In den nächsten zwanzig Minuten kommen weitere fünfundzwanzig bis dreißig Tippelbrüder und -schwestern und begrüßen sich gegenseitig mit großem Hallo. Die Journalisten der Lokalzeitung halten die Kamera drauf. Der beste Schnappschuss gelingt, als der Oberbürgermeister die Nase rümpft, beim Anblick dieser illustren Gesellschaft.

Auf der Tagesordnung stehen mehrere Ansprachen und Grußworte von den Lokalpromis. Das dauert den Gesandten der Bahnhofsmission entschieden zu lange und sie schieben sich in Richtung Büffet. Leckere Sachen stehen dort bereit und die anderen Gäste scheinen kein Interesse am Essen zu haben. Also langt die hungrige Meute mal so richtig herzhaft zu. Von vielen Dingen wissen sie gar nicht, was das eigentlich ist, was sie sich gerade auf den Teller tun. Zu einem guten Essen gehört ein Bier. Ein kurzes lautes Rufen und schon fließt der Gerstensaft in Strömen. Als der Oberbürgermeister als letzter Vortragender das Rednerpult betritt gleicht das Büffet einem Schlachtfeld und das erste Fass Bier klingt schon ziemlich hohl, wenn man dran klopft.

Charles beobachtet das Ganze mit einem Grinsen. Die Presse fotografiert eifrig und versucht herauszubekommen, wie die gesellige Runde an die Eintrittskarten gekommen ist und der Leiter des Museums für Stadtgeschichte steht kurz vor einem Zusammenbruch. Die geladenen Gäste aus Bildung, Gewerbe und Politik der kleinen Stadt stehen pikiert zwischen den Glasvitrinen mit den dreckigen Tüchern und fragen sich, was das Ganze eigentlich soll. Der Frau des Chefarztes der hiesigen Uniklinik wird übel und sie lässt sich auf einen Stuhl gleiten, auf dem ein Teller mit Sushi steht, den einer der Obdachlosen dort entsorgt hat, weil er Sushi für ungenießbar hält, nicht mal sein Hund wollte das.

Charles, als Betreuer des Projekts tritt ans Mikro und bedankt sich für das zahlreiche Erscheinen der Gäste mit den Worten: „Die wichtigsten Persönlichkeiten die unser Stadtbild und das gesellschaftliche Leben prägen versammeln sich hier…“

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