Da – waren wir auch schon

Da – waren wir auch schon

 „Wie is denn hier dat Essen so?“ Mit dieser Frage begann eine der unerfreulicheren Urlaubsbekanntschaften. Der Slang sagte mir, das sind Mecklenburger. Ich stamme ursprünglich aus Meck Pomm und erkenne das sofort, wenn Jemand aus dieser Gegend kommt. Noch nichtsahnend, sage ich erfreut: „Lassen sie mich raten! Rostocker Ecke.“ „Genau, wie kommen sie da druff?“ „ Ich bin in der Gegend aufgewachsen.“ „Da muss man so weit reisen, um Landsleute zu treffen.“ „Naja, ich wohne jetzt bei Freiburg.“ „Freiburch kennen wir, warn wir auch schon.“ Das ältere Ehepaar setzt sich einen Tisch hinter meinen. Ich sitze mit dem Rücken zu ihnen, das hält den Mann aber nicht ab, mich anzusprechen. „Gibt dat hier gar kein Büfeeh?“ „Nein, statt dessen ein Dreigängemenü.“ „Oh drei Gänge sogar, da sind wir ma gespannt druff.“

Georgio der Chef, ein überaus liebenswerter Hotelier, der betriebswirtschaftlich ein Sparfuchs ist, seine Gäste aber sehr liebevoll bewirtet und auf Wünsche gern eingeht, hat es sich zur Angewohnheit gemacht, abends von Tisch zu Tisch zu gehen und mit jedem Gast kurz zu sprechen. Mir beteuerte er an diesem Abend zum wiederholten Male, dass er gern meinen Sonnenbrand eincremen würde. Ich scherze ein wenig mit ihm und gebe ihm zu verstehen, dass ich Tzaziki in seinem Speiseplan vermisse, wo ich Tzaziki doch sooo gerne mag. Prompt flitzt Georgio in die Küche und das Dreigängemenü, wird ein Viergängemenü. „Tzaziki“, seufze ich, „da könnte ich drin baden.“ Von da an, habe ich jeden Abend Tzaziki.

Als zweiten ersten Gang gibt es an diesem Abend einen Rucolasalat mit Feta und Oliven. „Nich schlecht.“ erfahre ich von meinen Rostocker Landsleuten. Weil man mit vollem Mund nicht spricht, antworte ich nicht. Als Hauptgang bekam ich das Essen vom Vortag mit Spaghetti und Käse überbacken, die neuen Gäste bekamen das Essen vom Vortag mit Reis und ohne Käse. Mir hatte das gestern schon geschmeckt und der Käse hätte nicht unbedingt sein müssen. „Wat is dat denn?“, ertönt es hinter mir. „Lamm mit Lorbeer, Piment und Zimt, lecker oder?“, sage ich. „Läcker? Dat glaubst ja wohl selbst nich. Dat sind nur Knochen und Fett und brammich schmeckt dat auch.“ „Mir schmeckt es gut. Ich habe hier überhaupt abends noch nichts gehabt, was mir nicht schmeckte.“ „Wir ham aber Büfeeh gebucht.“ „Ja, ich auch. Aber Dreigängemenü ist doch ein gleichwertiger Ersatz.“ „Nich, wenn dat nich zu essen is. Gibt dat wenichstens morgens ein Büfeeh?“ „Ja“, sage ich bedeutungsvoll und grinse schadenfroh.

Am nächsten Morgen finde ich schlecht aus dem Bett und höre schon von weitem den norddeutschen Meckerpott. „Wat is dat denn? Dat is doch kein Büfeeh, ein Witz is dat.“ Betont fröhlich rufe ich „Guten Morgen!“ „Moin“, knurrt es zurück. Zielstrebig steuere ich auf das Brot zu, schneide mir einige Scheiben ab, hole mir alles was ich brauche und setze mich. ‚Hoffentlich kommen die nicht an meinen Tisch‘, bete ich im Stillen vor mich hin. Sie kommen nicht an meinen Tisch. Scheinbar mag der Rostocker sich gern mit Leuten die  hinter ihm sitzen unterhalten, denn zwischendrin wirft er mir immer ein paar Wortfetzen hin, die ich aber sparsam beantworte. „Irgendwie kommt mir dat hier komisch vor. Schon dat Hotel, nich Erika. Wir ham Marilena gebucht und dat hier heißt Marirena. Vielleicht sind wir hier gar nich richtich.“ „Nachher kommt die Reiseleiterin“, höre ich seine Frau schüchtern sagen. „Mich hat man umgebucht, weil mein Hotel gar nicht auf hat. Ich sollte ins Lambi. Bei ihnen wird das sicher nur ein Tippfehler sein.“  mische ich mich ungefragt ein. „Wie umgebucht?“ „Na umgebucht halt. Statt im Lambi bin ich hier. Gott sei Dank auch. Die Lage ist traumhaft, das Essen schmeckt, das Zimmer ist sauber, die Anlage idyllisch. Was will man mehr?“ „Im Prinzip schon, aber dat ham wir nich gebucht.“ Es stellt sich raus, dass es das Hotel Marilena wirklich gibt und auch die Beiden umgebucht wurden, man es ihnen aber nicht gesagt hat. Mit dieser Erkenntnis wird der Satz „Dat ham wir nicht gebucht.“, zum Ohrwurm. Schon am zweiten Tag wedelten die mit einer Mängelrüge und suchten Mitreisende die sich an einer Klage beteiligen. Mein schöner Urlaub wurde nun immer zweimal täglich, zu den Mahlzeiten, von den Nörglern unter die Lupe genommen. Das Abendessen fand jetzt immer unter Schimpftiraden statt. „Wat schon wieder Reis?“, „Mann o Mann, dat ham wir aber nich gebucht.“, und zu mir gewandt „Wie kann man mit son Urlaub zufrieden sein?“. Da platzt mir endgültig der Kragen und ich sage: „Wenn sie Pommes und Schnitzel essen wollen, können sie doch auch in Deutschland Urlaub machen. Oder reisen sie, um es zu Hause schön zu finden?“ Das war der Moment, wo der Ehemann sich tatsächlich einmal umdrehte zu mir. „Nu rehng se sich doch nich so uff.“ „Doch mich regt das auf. Sie kommen hier her, auf eine wunderschöne Insel, wo es noch einfache Lebensart gibt und wollen ihren heißgeliebten deutschen Standard hier haben. Dann müssen sie mehr für ihren Urlaub ausgeben und ins Möwenpickhotel gehen. Ich verbringe hier eine wunderschöne Zeit, finde Land und Leute zauberhaft und will das nicht von ihnen kaputtgeredet bekommen.“ „Is ja schon gut. Ich mein ja nur, wir sind schon viel gereist, aber sow…“ „Denken sie ich bin eine Landpflanze und zum ersten Mal im Ausland? Sie sehen doch die Landschaft gar nicht und die regionalen Besonderheiten, die zauberhafte Vegetation. Sie wollen doch zu Hause bloß sagen können – Kreta da warn wir auch schon, is nich so besonders.“ falle ich dem verblüfften Meckerer ins Wort. Wortlos dreht er sich wieder um. Schweigend endet eine unerfreuliche Urlaubsbekanntschaft.

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