Flohmarkt

Flohmarkt

Geld ist nicht alles

Flohmärkte haben mich bisher immer nur als Schnüffler und von Stand zu Stand Schlenderer angelockt. Vor etwa einem Jahr änderte sich das

Meine Tochter begann am 1. April 2008 ihre Ausbildung. Wir waren schon immer ein offenes Haus und die Freundinnen meiner Töchter waren mehr bei uns, als das meine Töchter bei Freunden waren. Mit dem Wechsel von Schule zur Ausbildung wechselten auch die Besucherinnen bei uns zu Hause. Eine der neuen Freundinnen ist Yasmin, eine hübsche Frau in meinem Alter, die nach einem abgebrochenen Medizinstudium nun eine Ausbildung machen möchte. Yasmin ist Marokkanerin und verheiratet. Die vierzig Jahre sieht man ihr nicht an (mir hoffentlich auch nicht). Basare in Marokko sind ein Erlebnis, das wird jeder Tourist, der einmal dort war, gern bestätigen.

Yasmin ging auch in Deutschland auf den Basar und bot verschiedene Dinge an. Wir nennen das Floh- oder Trödelmarkt. Meistens tat sie sich mit Freunden zusammen, das verringerte die Standgebühren und erweiterte das Sortiment. Durch die begeisterten Berichte, ließ meine Tochter sich vom Flohmarktfieber anstecken und eines schönen Samstags im Juni letzten Jahres fuhr ich meine Tochter samt Kisten und Koffern voller Klamotten, Schmuck und allem was wir entbehren konnten nach Breisach auf einen Flohmarkt. Auch wenn ich keinen Händlerpass hatte, durfte ich zum Ausladen auf das Gelände fahren. Arglos tat ich dies. Ich wurde in Sekundenschnelle so zugeparkt, dass es mir nicht möglich war, den Platz wieder zu verlassen. Anfangs fand ich das nicht weiter schlimm, ich drehte eine Runde um den Flohmarkt, fand auch verschiedene Schnäppchen, die ich mir schnappte, versorgte meine Tochter, Yasmin und Kilian, den Verlobten von Yasmins Freundin, mit Kaffee und fand mich irgendwann selbst hinter dem Stand der Drei wieder.

Es kam, wie es kommen musste. Interessierte Flohmarktbesucher sprachen mich an und ich fing an Verkaufsgespräche zu führen. Das machte mir sogar richtig Spaß und ich ließ mich kurz einweisen, was Preise und Preissenkungen anging. Mir machte das richtig Spaß und ich war voll in meinem Element. Jeden der vorbei kam sprach ich an und versuchte irgendwas an den Mann zu bringen. Kilian war begeistert, dass ich die Leute mit meinem Marktgeschrei auch anlockte, begann aber die potentiellen Kunden zu verschrecken. Stand doch eine ältere Frau an unserem Stand und schaute sich Schmuck an und Kilian hat nichts Besseres zu tun, als laut zu rufen: „Anne, deine Mutter kann keine Jungfrau mehr sein.“  Die Frau warf den Ring, den sie gerade anprobiert hatte zurück ins Kästchen und suchte das Weite. Meine Tochter und ich kicherten. Verkaufsfördernd war so ein Verhalten nicht, aber unterhaltsam. Es fand sich immer etwas, worüber wir gerade blödeln konnten.  Kurz taten Kilian und ich so, als wären wir ein Paar und würden uns heftig zanken, oder ich gab meiner Tochter Anweisungen das asbestverseuchte Geschirr etwas weiter wegzustellen, wir wollen ja nicht krank werden.  Ein Hund schiss uns direkt vor den Stand und wir schlossen Wetten ab, wer rein treten würde. Gute Laune ist verlaufsfördernd. Wir hatten eine Menge Publikum.  Viele lachten mit und fanden es bei uns sehr amüsant, andere zogen Kopfschüttelnd an uns vorbei und postierten sich in Hörweite, verpassen wollte man von dem Skandal ja auch nix.

Yasmin hat sich schweren Herzens entschlossen, ihre medizinischen Fachbücher anzubieten. Hier stöberten auch viele interessiert und ich verwickelte eine Frau ins Gespräch. Sie fand die Preise noch ziemlich hoch, ich rechtfertigte diese, indem ich ihr bewusst machte, was die Bücher neu kosten würden, versuchte ihr, mehrere Bücher auf einmal zu verkaufen. Sie interessierte sich aber nur für ein Anatomiebuch. „Studieren Sie Medizin?“ „Nein, ich will das Buch wegen den Bildern haben. Zum Zeichnen.“ „Ah, sie wollen das abmalen?“ Wenn Blicke töten könnten… Pikiert sagte die junge Frau: „Ich male nicht, ich will Körperstudien machen.“ Kilian ruft dazwischen: „Warum an Bildern? Ich sitz auch gern Modell.“ Mit großer Anstrengung unterdrücke ich ein Lachen. „Naja ich weiß nicht, ganz neu ist das Buch ja auch nicht.“, sie legt das Buch wieder hin. „Neu nicht, aber auf dem neuesten Stand,“ quäkt Kilian dazwischen. Die Interessentin schlägt das Buch auf und sucht nach dem Erscheinungsjahr. 1985. „Auf dem neuesten Stand?“, fragt sie mit einer skeptisch hochgezogenen Augenbraue. Kilian nickt eifrig und erklärt „Ja, damals haben sie den letzten menschlichen Knochen entdeckt und mit aufgenommen, holen Sie sich mal das Buch von 1983, da ist dieser noch nicht drin.“ Wir Frauen überlassen dem Fachmann das weitere Verkaufsgespräch und verziehen uns prustend an den nächsten Kaffeestand.

Fazit war, dass unsere Einnahmen mal grad die Standgebühren deckten, wir aber alle heiser waren vom Kreischen und Lachen und den Tag für den lustigsten unserer aller Leben erklärten. Insgesamt hatten wir immerhin 130 Jahre auf dem Buckel… Sowas erlebt man halt maximal zwei Mal in dreihundert Jahren J

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