Glück

Glück

„Wow, das ist wirklich ein außergewöhnlich schönes Stück. Jaspis oder?“, schwärmt Miriam.

„Ach was? Heißt das, Du kennst Dich aus  mit diesen Dingen?“

„Nur ein wenig. Meine Mutter war Fachfrau. Sie hat mir vieles beigebracht über Archäologie und Ausgrabungsfunde. Jaspis spielt auch eine große Rolle in der Esoterik. Wo hast Du es her?“

„Das ist eine längere Geschichte. Jedenfalls habe ich diesen Glücksbringer meiner Thermotasse zu verdanken.“

„Wie das?“

„Ich stand auf dem Bahnsteig und wartete auf’s Bähnle, da sprach mich so ein komischer Kauz an. Der Typ sah aus wie ein Seefahrer. Hatte was von Kapitän Nemo irgendwie. Obwohl. Nein, eher nicht. Nemo war immer vornehm gekleidet. Er jedoch war ziemlich schmuddelig und hatte ausgebeulte Cordhosen an. Ihm gefiel meine Tasse und er wollte wissen wo ich die her habe. Obwohl ich ihm nicht sagen konnte, wo die Tasse gekauft wurde, hat er mir dies hier geschenkt. Als Dankeschön.“

„Jaspis gilt als Mutter der Edelsteine und soll richtig Glück bringen.“

„Das sagte der Pseudokäptn auch. Ich soll jeden Abend an dem Stein lecken, dann würde ich gesund bleiben.“

„Und? Hast Du schon dran geleckt?“

„Ich werde mit Sicherheit nicht an etwas lecken, was dieser keimige Kerl in seiner Hosentasche hatte.“

„Hier in der Nähe gab es früher größere Jaspisfunde. Im Markgräflerland. Johann Peter Hebel hatte eine ganze Samm…“

„Vielen Dank. Das sind mehr Informationen als ich haben will. Mein Gott, es ist ein Stein. Ein hübscher Stein, das muss ich zugeben. Aber kein Grund, mir hier eine Vorlesung zu liefern. Komm lass uns Kaffee trinken gehen!“ Energisch ziehe ich Mirjam mit über die Straße. Das heranrasende Auto sehe ich nicht. Wundere mich nur über Miris schreckgeweiteten Augen und darüber, dass ich nichts höre, obwohl sie panisch schreit. Den Aufprall spüre ich nicht. Als ich im Krankenhaus erwache, sitzt Mirjam an meinem Bett. In der Hand hält sie den Jaspis.

„Du hättest tot sein können. Himmel, hatte der einen Zahn drauf.“

„Ich hätte tot sein können? Mir ist, als wäre ich dreimal gestorben. Jeder Knochen tut mir weh.“

„Es ist aber nichts gebrochen. Wir hatten so ein Glück. Du hast ein paar Prellungen und eine leichte Gehirnerschütterung, meiner Wenigkeit ist gar nichts passiert. Nur einen riesigen Schrecken habe ich bekommen. Hättest Du mal an dem Jaspis geleckt, dann wäre Dir vielleicht auch nichts passiert.“

„Ha ha ha. Du hast gut Lästern.“

„Sorry, so war es doch gar nicht gemeint. Im Ernst. Es hätte sehr viel übler ausgehen können. Vielleicht bringt der Stein Dir doch Glück.“

Ein attraktiver junger Pfleger kommt ins Zimmer und bringt mir eine neue Infusion. „Ein Cocktail nach Art des Hauses.“, sagt er zwinkernd, als er den Beutel mit der Lösung in den Infusionsautomaten einfädelt.

„Ein richtiger Cocktail wär mir lieber.“

„Ok. Wir wärs Freitag in zwei Wochen im ‚Karma‘?“

„Übernimmt die Krankenkasse die Kosten?“

„Nein, aber ich.“ Grinsend verlässt der Pfleger das Zimmer.

„Du hast Recht. Ich glaube der Stein bringt mir wirklich Glück.“

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