Hospiz

Hospiz

Voller Wehmut denke ich daran, wie ich vor zwei Wochen meine mir wichtigsten Dinge in den alten abgenutzten Koffer legte. Nur weniges sollte mich begleiten auf die letzte Reise, die Fahrt ins Hospiz.

Mein erstes Paar Schuhe, die meine Mutter mir überließ. In diesen Schuhen habe ich Laufen gelernt. In einer großen Pfütze verlor ich einen und mein Vater fuhr mit dem Traktor drüber. Zerdrückt und unförmig liegt er neben dem anderen. Wenn es überhaupt möglich ist, sich an die Zeit zu erinnern, dann spüre ich das Gefühl des festen Halts, den mir die Hand meiner Mutter gab. Mama, mit diesen Schuhen komme ich zu dir zurück.

Einige Briefe, zusammengehalten mit dem blauen Strumpfband, welches ich bei unserer Hochzeit trug. Briefe von meiner ersten großen Liebe, die mein ganzes Leben andauern sollte. Mein Gott wie romantisch konnte die Hand schreiben, die mich später schlug. Trotzdem. Ich konnte nicht aufhören dich zu lieben. Und so blieb ich bei dir und sah schweren Herzens zu, wie du im Alkohol ertrankst. Im klaren Wasser meiner Tränen schwimme ich nun zu Dir, mein Liebster.

Das letzte Foto unseres Sohnes, aufgenommen am Abend bevor er bei diesem schrecklichen Unfall starb. Er schaute so lebenshungrig in die Kamera. War so voller Zukunftspläne und wollte seinen Luftschlössern Form geben. Es hat nicht sollen sein. Es hat nicht dürfen sein. Mein Sohn, bald bin ich bei dir.

Allein bin ich seit vielen Jahren. Sterben will ich nicht allein. Nicht eine Story sein, die durch die Presse geht mit Schlagzeilen wie: Leiche lag 12 Jahre in der Küche. Wo geht man hin zum Sterben?

Ähnliche Beitrage

Z wie Zauber

Z wie Zauber

XP – Ein Text aus dem Jahr 2009

XP – Ein Text aus dem Jahr 2009

W wie Weihnachtszeit

W wie Weihnachtszeit

Verzeih mir

Verzeih mir