Krankheit

Krankheit

Der Skinhead mit dem Kindersitz                                  

Prolog

Die Glatze glänzte in der Sonne. Ich war auf dem Weg in die Kreisstadt. An jedem Baum Wahlplakate. Schon kilometerweit vor der Stadt wurden Umleitungsschilder aufgestellt. Die Zufahrt zum Zentrum war komplett gesperrt. Dort wollten die Rechten demonstrieren.

„Es gibt heute schon gute Medikamente, die lindern die Nebenwirkungen der Chemotherapie.“, sagte Dr. Heyer zu mir. Ich nickte resigniert. Was sollte ich Tabletten gegen die elende Kotzerei nehmen, wenn ich trotzdem alles was mein Körper an Flüssigkeit hergab, mit tränenden Augen aus mir hervor würgen  musste. Der junge Arzt sah mich bedauernd an, stöpselte die letzte Infusion für diesen Therapiezyklus an die Venüle und fragte mich, ob ich nicht doch lieber noch eine Nacht zur Beobachtung bleiben wollte. „Ich reihere nicht gern vor Publikum.“, antwortete ich schwach. Dr. Heyer ging aus dem Zimmer und ich griff zum Telefon, um meine Freundin anzurufen. Wir wohnten etwa fünfzig Autominuten von der Universitätsstadt entfernt und ich rief sie immer an, wenn die letzte Infusion angelegt war. Sie fuhr dann los, um mich abzuholen und nach Hause zu bringen.

Drei bis vier Tage dauerten die übelsten Brechattacken, danach begann ein tierischer Heißhunger auf Tomaten mit Thunfisch und Schafskäse oder Sauerkirschen mit kaltem Kaffee. Meine Freunde kannten diese Phänomene und versorgten mich mit all dem, was ich gern aß in dieser Zeit. Selbst Ruthchen, die Ärztin war, drückte alle Augen zu wenn ich Lebensmittel in mich hinein futterte, die ich in Kombination mit der Chemotherapie besser gemieden hätte. Zwei Tage nach der Therapie fuhr ich auch wieder selbst Auto. Das sahen meine Freunde nicht so gern, irgendwann gaben sie es aber auf, heimliche Fahrdienste zu organisieren und fügten sich meinem unbelehrbaren Dickkopf.

Mit meinem Arzt hatte ich ein Riesenglück, er behandelte mich ambulant, wo er andere längst in die Klinik eingewiesen hätte. Spritzen durfte ich mir selbst geben, weil ich früher Krankenschwester war. Die sichtbaren Nebenwirkungen der Chemo sind bei weitem nicht so riskant wie die, die sich fast unbemerkbar im Körper austoben. Sinkende Leukozyten und eine nichtvorhandene Blutgerinnung können unter Umständen lebensgefährlich sein, eine Glatze dagegen stiftet bestenfalls Verwirrung. Seltsamerweise ging es mir immer dann am besten, wenn das Blutbild am schlechtesten war. Wahrscheinlich weil dies eine Woche Aufschub bis zur nächsten Therapie bedeutete.

Mehrmals die Woche fuhr ich mit dem Auto zum Blut abnehmen in die Kreisstadt. So auch an jenem Tag.  Polizeiautos kamen mir entgegen und an jeder Abzweigung waren mehrere Polizeibusse stationiert. Mich beunruhigte die Tatsache, dass die Medikamente die ich nahm mit ziemlicher Sicherheit nicht die Teilnahme am Straßenverkehr begünstigten. Und schon gar nicht das Führen eines Fahrzeugs. Vor mir der Traktor tuckerte gemächlich die Allee entlang. Durch das satte Grün der Kastanienbäume zwinkerte die Sonne mir zu. Genervt überholte ich die knatternde Landmaschine in einer Siebzigerzone mit Überholverbot.

Bevor ich mich vor dem Gefährt wieder eingereiht hatte, sprang ein Polizist auf die Straße und winkte mir zu. Einen kurzen Moment überlegte ich, ob ich zurückwinken sollte. Ich entschied mich dagegen, weil ich es mir nicht im Vorfeld schon verscherzen wollte mit den Helden in tarnfarbengrün. Mein Auto lenkte ich auf den kleinen Feldweg. „Führerschein und Fahrzeugpapiere bitte!“ Fünf Beamte postierten sich um meinen Citroen AX, die Hände immer in Waffennähe. Mir wurde Angst und schlecht und ich wurde rot, als ich mitbekam dass auf dem Beifahrersitz ein Stapel Pappkotzschälchen stand. Zitternd reichte ich meine Papiere durchs Fenster. Zwei Beamte gingen an ein Polizeifahrzeug, die anderen ließen sich meinen Verbandskasten zeigen und schauten auf den Rücksitz und in den Fußraum.

Ich stand unbeteiligt daneben und in meinem Kopf ratterte es: „Können die mir den Führerschein wegnehmen, wenn ja wie lange? Muss ich den gleich abgeben? Wer kann mich abholen?“ Meine Beine wurden weich und ich setzte mich auf den Fahrersitz. Auf der Straße fuhr ein Fahrschulauto vorbei und ein Polizist sagte lachend: „Den müssen wir anhalten, der fährt ohne Führerschein.“ „Haha“, sagte ein anderer. ‚Sind die bescheuert? ‘ dachte ich und ‚Bloß jetzt nicht in Ohnmacht fallen! ‘. 

Vor meinen Augen wurden meine Papiere hin und her gewedelt. Ich schrak zusammen. „Wo wollen sie denn hin?“, wurde ich gefragt. „Zum Arzt. Blutabnehmen.“ In Gedanken ohrfeigte ich mich. ‚Bring die noch auf dumme Gedanken! ‘,  schimpfte ich innerlich. Der älteste der Polizisten gab mir die Papiere wieder, klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Junge Frau, sie wissen was das Schild bedeutet, wo ein rotes und ein schwarzes Auto nebeneinander zu sehen sind?“ „Überholverbot.“ „Richtig. Und halten sie sich nächstes Mal auch an dies Schild?“ „Selbstverständlich.“ „Dann fahren sie jetzt ganz vorschriftsmäßig weiter, gehen zum Arzt und halten sich vom Stadtzentrum fern.“ beauftragte er mich und zu seinen Kollegen gewandt sagte er lachend: „Das wär der erste Skinhead mit Kindersitz statt Baseballschläger.“

Epilog

Ein Skinhead. Ich. Durch meine Krebserkrankung nahm ich überhaupt keine Notiz vom gesellschaftlichen und politischen Leben in meiner Umgebung. Irgendwie funktionierte ich, lebte von Therapie zu Therapie, überlebte und begriff erst in dieser Situation wie ich von Fremden wahrgenommen wurde.

Es blieb bei der Belehrung, keine Strafe, keine Punkte, nix. Ein „Gute Besserung!“, gab es mit auf den Weg.

Für mich kam eine Perücke nicht in Frage. Die Modelle, die von der Krankenkasse finanziert werden, sehen alle gleich aus. Ein Teures konnte ich mir nicht leisten. Außerdem war es in jenem Sommer verdammt heiß.

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