Langersehnt

Langersehnt

Ein Beitrag von Jamira Petosch

Langweilig sollte er nicht werden, der runde Geburtstag, das nahm ich mir die Monate zuvor fest vor. Mit Lidstrich, Longarmshirt, Levis und dem gepackten Lederkoffer machte ich mich mit meinem Lada auf den Weg zu den Landungsbrücken.

Ob ich Lothar auf der „Color-Line“ wiedersehen würde? Lothar, der als Lotse schon viel von fernen Ländern und Leuten gesehen hatte, schwärmte jedes Mal wenn wir uns trafen von den Lofoten. Die Lofoten erschienen mir jedoch zu weit für einen launigen Kurztrip. Eine Mini-Kreuzfahrt nach Larvik musste diesmal genügen.

Leichtfüßig erklomm ich mit meinen Leisetretern die Stufen Deck für Deck hinauf zur Lobby und von da weiter zum Labor des Schiffsarztes. Lars würde heute Dienst haben. Das sagte er mir im Laufe unseres Telefonates letzte Woche. Doch leider ließ sich die Tür zum Zwischendeck nicht öffnen. Ich musste wieder zurück zur Lobby und von dort aus versuchen zu Lars zu gelangen.  

Durch ein Luk auf der Steuerbordseite sah ich nichts außer Wasser und auch keine Kaimauer. Also hatte der Kapitän bereits den Befehl „Leinen los“ erteilt. Sehr zu meinem Leidwesen befand ich mich gerade unterhalb der Wasseroberfläche. Schnell nach oben, um das mulmige Gefühl loszuwerden, dachte ich, irrte den Gang entlang, suchte nach einem Aufgang und wünschte mir Lothar herbei, der nie ein Schiff verließ, ohne durch die langen Flure gewandelt zu sein. Er liebte es, sich ohne Lageplan auf den Schiffen auskennen zu können und begründete dieses ungewöhnliche Hobby mit den Worten: „Selbst im Labyrinth muss man wissen, wo es lang geht“. Ich bekam fast einen Lachanfall, als er mir davon erzählte. Er aber lächelte mich nur verschmitzt an und zuckte mit den Schultern. Auch seine Lieblingsspeise, Labskaus, verriet er bei unserem zweiten Treff, ebenso was er gerne dazu trank: Lambrusco, eisgekühlt. Mit ihm zusammen fühlte ich mich lebendig, leicht und locker. Sicher lösten sich mit ihm zusammen alle unlösbaren Probleme in Luft auf. Lars hingegen liebte eher die bayerische Küche, mit Lyonern, Leberknödelsuppe und Leberkässemmeln und vertilgte diese Leckerbissen gern auf lauschigen Almhütten und mochte es, im Winter auf Langlaufskiern die Gegend rund um Lindau zu erkunden. Er wie auch Lars verbanden ähnliche Lebensläufe: Sie fuhren beide seit Jahrzehnten zur See und fühlten sich als Ledige frei und unbesorgt. Lebensabschnittsgefährtinnen gab es zwar in ihrer Jugend und während der Ausbildung, doch die Liebe zur See übertrumpfte jedweden Wunsch nach Familiengründung. Das vertrauten sie mir gleich bei unserem ersten Zusammentreffen auf einem Lotsenkongress in Lübeck an, damit ich mir ja keine falschen Hoffnungen machte.

In Gedanken bei Lothar bemerkte ich nicht, wo ich entlang lief. Auf einmal tat sich das lichtdurchflutete Restaurantdeck mit dem Panoramablick vor mir auf. Ich atmete erleichtert aus, drehte mich um die eigene Achse und sah weder auf der Lee- noch auf der Luvseite Land.

Plötzlich umzingelte mich eine Gruppe Erwachsener, die lautstark debattierte, an welchem Tisch sie den Lunch einnehmen wollten. Durch diesen Lärm hinweg vernahm ich eine Durchsage aus den Lautsprecherboxen: „… Lars Langmann und Lothar Lanzer werden zur Brücke gebeten!“

Nun aber los! Ich lugte nach einem Durchgang, zwängte mich hindurch, marschierte Richtung Lift, sprang über liegende Taschen und konnte mich gerade noch durch ein paar Herren in Livree lavieren.

Endlich kam der Lift, und ich konnte mit ihm zum Oberdeck fahren. Nun zahlte sich eine weitere Leidenschaft neben dem Wasserskifahren von mir aus: Das Laufen auf dem Laufband in einem Fitnessstudio. In weniger als einer Minute schaffte ich den Spurt von Achtern zur Brücke und stand lässig vor der Tür. Schneller als ich konnten auch Lars und Lothar die Brücke nicht erreicht haben, da war ich mir sicher! Leider wartete ich vergeblich auf die Beiden. Wo blieben Lars und Lothar? Gab es etwa noch einen anderen Zugang zur Brücke, einen Lift, mit dem man direkt auf der Brücke landete? Unschlüssig stand ich eine Weile untätig herum, besah mir den blauen Himmel, die Lachmöwen, die uns begleiteten und bekämpfte mein Lampenfieber, das mich immer überfiel, wenn ich Personen in schnieken Uniformen gegenübertreten musste. Das fing schon während meiner Ausbildung zur Leichtmatrosin an. Eigentlich wollte ich die Laufbahn einer Segelflugzeugbauerin einschlagen, weit weg vom Wasser, auf dem ich geboren wurde. Doch mein Vater Leonhard, ein Binnenschifffahrtskapitän, drängte darauf in die Nautik einzusteigen, um irgendwann mal unseren Familienbetrieb zu übernehmen: Das Befördern von Erzen und Steinen auf unserem eigenen Lastschiff.

Während ich meinen Erinnerungen nachhing öffnete sich die Tür zur Brücke und herauskamen der Staff-Kapitän und ein Sicherheitsoffizier, wie ich mit einem Blick auf die Längsstreifen an den Ärmeln erkennen konnte. Sie lachten und winkten mir zu, zu ihnen zu kommen. Verdutzt und dennoch voller Vorfreude folgte ich ihnen mit lahmen Schritten. Hinter den beiden baumlangen und muskelbepackten Männern gehend sah ich zunächst nur Seekarten auf Bildschirmen auf der linken Seite und antike Loggen auf Tischen an der rechten Seite der Brücke. In etwa dem Zentrum der Kommandobrücke traten die Herren auseinander, verbeugten sich leicht und gaben den Blick frei auf eine komfortable Lounge, illuminiert durch zahlreiche Lampions und Lichterketten. Verdattert blieb ich wie angewurzelt stehen, als ich auf dem kreisrunden Tisch inmitten der Lounge eine mehrstöckige Torte mit zahlreichen brennenden Kerzen auf einem Lärchenholztisch ausmachte. Tränen der Rührung traten in meine Augen, als ich neben Lars und Lothar auch meinen Vater bemerkte. Alle drei grinsten mich liebevoll an. Versetzt hinter ihnen standen Offiziere in Ausgehuniformen, die plötzlich, wie auf ein unsichtbares Zeichen hin, zu einem Geburtstagsständchen anhoben, in die Lars, Lother und Leonhard mit einfielen.

Ich errötete bis tief in die Haarwurzeln als dann auch noch der Kapitän zu mir trat, mich zur Seite nahm und meine Hand locker mit seinen Händen umschloss. Lakonisch bedankte ich mich für den fulminanten Empfang, und er erwiderte leicht grinsend in leisem Tonfall: »Ehrensache! Ihren Vater und mich verbindet eine langjährige Freundschaft. Wie sich schon auf der Akademie herausstellte, sollten er und ich nach dem Willen unserer Väter die landwirtschaftlichen Betriebe übernehmen. Doch davon ließen wir die Finger, lag uns doch bedeutend mehr daran, dem lausigen Alltag an Land zu entfliehen, um uns auf dem Wasser zu bewähren« und ließ meine Hand los, während ich mich langsam entspannte.

Er nickte mir charmant zu, drehte sich zu den anderen und ließ seine volltönende Stimme in lupenreinstem Hamburgerisch erklingen: »Ihr lechzt doch bestimmt schon nach der Leckerei. Also lasst euch nicht länger bitten!« 

Bevor auch ich für mein leibliches Wohl sorgen konnte, hakte mich mein Vater unter, lenkte mich zu den Loggen und überreichte mir eine langstielige Sektflöte.

»Na, meine Lütte?«, fragte er mit leicht hochgezogenen Augenbrauen. »Als Lars und Lothar mir von ihrer Idee, dich auf diese Weise zu überraschen, erzählten, setzte ich alle Hebel in Bewegung und hoffe, dir gefällt, was du siehst und gehört hast?!«

Linkisch stellte ich mich auf die Zehenspitzen, lispelte an seinen brünetten Locken vorbei in sein linkes Ohr ein leises »Logo«.

Lars und Lothar gesellten sich unterdessen auf leisen Sohlen zu uns.

»Ich bin immer noch total baff und danke euch ganz herzlich für alles!«, grinste ich die drei an und warf ihnen Luftküsse zu.

»Aber jetzt auf zur Torte, der Kaffee wartet schon!«, ermunterte uns Lothar und zu Viert schritten wir lachend zurück.

Ende

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