N wie Nikolaus

N wie Nikolaus

St. Nikolaus ist ein Türke

„Eh Ali! Hattest Du heute auch was im Schuh?“ frotzelt Martin seinen türkischen Mitschüler mit einem fiesen Grinsen. Der neunjährige Ali ballt die Fäuste in seinen Jackentaschen. Er geht auf die andere Seite des Schulhofes. Frau Hellwig hat Pausenaufsicht und ist empört über das Verhalten von Martin. Sie behält ihn im Auge und beobachtet, wie er fünf weitere muslimische Kinder aus seiner Klasse ärgert. Die Schulglocke beendet diese unerfreuliche Szene. Frau Hellwig hat jetzt Sachkunde in Martins Klasse und beschließt, ihre Stundenvorbereitung für heute in der Tasche zu lassen und die Situation vom Schulhof aufzugreifen.

Für die Klasse 3b begann heute jede Stunde mit einer kleinen Nascherei und einer Legende vom Nikolaus. Erwartungsvoll schauen die Drittklässler auf Frau Hellwig. Auch sie beginnt den Sachkundeunterricht mit einer Geschichte über den Nikolaus:

Vor vielen hundert Jahren lebte ein Junge in Kleinasien. Er war sehr still und zog sich vor den anderen Jungen in seinem Alter zurück. Wenn die Kinder zankten und tobten, saß er still in einer Kirche und betete. Er mochte keinen Streit und wenn Jemand krank war oder Kummer hatte, so schloss er ihn in seine Gebete ein. Obwohl seine Eltern sehr reich waren, war ihm Luxus egal und alles was er hatte, teilte er gern mit Bedürftigen oder verschenkte es. Seine Eltern starben und hinterließen dem Jungen ein großes Erbe. Nikolaus war inzwischen erwachsen geworden und sah viel Elend und Not. Vielen konnte er helfen, indem er heimlich nachts Geld oder Kleidung vor die Türen legte. In kleine Säcke verpackte er seine Gaben und bemühte sich immer, ungesehen davon zu eilen, wenn er die Säckchen abgelegt hatte. Als in Myra der Bischof starb, trug man Nikolaus das Amt an. Myra liegt in Lykien in der Nähe von Ankara in der Türkei. In seinem Amt half Nikolaus sehr vielen Menschen und er wurde geliebt von den Einwohnern seiner Stadt. Doch es gab auch Neider und Intriganten, Menschen die ihn nicht haben wollten, weil sie selber nicht gut waren und Gutes ihnen nicht wichtig war. Die Intriganten genossen ihren Reichtum und stachelten Menschen gegeneinander auf. Nikolaus wurde gefangen genommen und geschlagen. Er starb an einem 6. Dezember im Gefängnis. Doch die guten Taten des Bischofs aus der Türkei leben in Legenden weiter.

Dreihundert Jahre nach dem Tod des Bischofs lebte ein zweiter Nikolaus, ebenfalls in Lykien. Auch dieser war sehr mildtätig und half seinen Mitmenschen wo er nur konnte. Er wurde Bischof von Pinara. Man glaubte in ihm den guten Bischof von Myra zu sehen und zwei Figuren verschmolzen zum heiligen Nikolaus, der ein Hauptheiliger der orthodoxen Kirche wurde. Unzählige Berufsgruppen erklärten den Heiligen Nikolaus zu ihrem Schutzpatron und denken jedes Jahr am 6. Dezember an ihn. Der Brauch, Stiefel vor die Tür zu stellen lebt noch heute und viele Kinder wissen gar nicht, dass es den Nikolaus wirklich gegeben hat. Sie nehmen die Geschenke, obwohl sie selbst gar nicht immer bedürftig sind und fragen nicht nach dem Nikolaus aus Lykien – einer Gegend der heutigen Türkei. Im Gegenteil, sie lachen türkische Mitschüler aus, weil ihre Stiefel leer geblieben sind.

Martin saß mit knallrotem Kopf in der ersten Bank. Ali, Şükrü, Ümmü, Ahmed, Bülent und Dilan freuten sich, dass sie auf diese Weise auch Anteil am Nikolaustag hatten. Frau Hellwig wusste, dass sie ohne Schelte ihr Ziel erreicht hatte und die anderen Kinder haben gar nicht gemerkt, dass diese interessante Geschichte eine Moralpredigt war.

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