O wie Ostern – Jamira Petosch

O wie Ostern – Jamira Petosch

»Och nö, Othmar! Willst du Ostern wirklich wieder in  Oberammergau verbringen?«, fragte Ottilie entrüstet und ließ dabei das Messer klirrend auf den Teller fallen, mit dem sie eben noch den Obatzda auf die gebutterte Brezel gestrichen hatte. »Du weißt doch sicher noch, wie der Oberförster letztes Jahr mit uns umging, als wir mit Oskar ohne Leine durch seinen Wald nahe der Laberbergbahn spazierten?! Und weil ich mich so aufregte, erbrach ich auch noch das Mittagessen an deinem neuen dunkelblauen Oberhemd, das wir entsorgen mussten, weil die Flecken trotz mehrmaligem Waschen nicht mehr rausgingen. Nee, also echt jetzt, Othmar, Oberammergau! Lass dir doch mal was anderes einfallen, Oberaudorf oder Obing zum Beispiel! In Oberaudorf könnten wir die Tatzelwurm-Wasserfälle besichtigen, und nach Obing wolltest du doch auch mal, um deinen Freund Oliver zu besuchen«, beendete sie ihren Monolog und sah ihm genervt zu, wie er verlegen imaginäre Fussel von seinem olivgrünen Overall zupfte.

Ottilie ließ nicht locker: »Jetzt sag doch auch mal was, Othmar!« und ging ans Fenster, um es zu öffnen. Eine Weile stand sie davor und saugte die nach Oleander duftende Luft tief ein, bevor sie sich zurück begab. Mit hochgezogenen Augenbrauen fixierte sie Othmar mit seinen an den Schläfen ergrauten Haaren, während sie sich hinsetzte. Noch bevor sie erneut anfangen konnte zu reden, lächelte er sie beschwichtigend an, streckte den Rücken durch, griff zum Obers, goss die Flüssigkeit langsam in den Kaffeebecher, stellte das Gefäß ab und antwortete dabei beiläufig: »Wie du weißt, verbindet mich mit Oberammergau etwas ganz Besonderes: Als Oberst verbrachte ich dort viele Jahre meines Lebens. Es ist einfach ein sehr schöner Ort, ein Touristenmagnet, für mich jedoch hauptsächlich um in Erinnerungen zu schwelgen. Und dir gefiel es all die Jahre doch auch, zumindest hatte ich diesen Eindruck, Ottilie! Ich habe noch sehr genau die hübsche Oberkellnerin mit ihrem feschen Outfit in dem Hotelrestaurant direkt an der Ammer vor Augen, die uns statt des von dir bestellten Obstsalates eine Ochsenschwanzsuppe kredenzte und sich beim Entschuldigen kräftig mit der Hand auf den Oberarm schlug, um einen Ohrwurm zu verjagen. Dann gab es noch die Episode mit dem weißhaarigen Oboisten vorm Festspielhaus, der in seinem obsoleten Anzug aussah wie ein Oberprimaner und pikiert dreinschaute, als die vornehm in ockergelb gekleidete Dame ihm einen Obolus in seinen Homburger Hut warf, während wir uns großzügiger zeigten. Und letztes Ostern gefror uns der Odem fast schon im Mund, so eisig war es draußen. Ohnehin wollten wir es uns ja auf der Ofenbank gemütlich machen und die Ohrenrobben im Fernsehen anschauen. Daran denke ich sehr gerne zurück, denn an diesem Tag vor einundzwanzig Jahren fuhren wir zum ersten Mal nach Oberammergau. Und dann darfst du auch nicht die lukullischen Genüsse vergessen, liebe Ottilie, wie beispielsweise das wunderbare Orangensorbet, die Okraschoten am Schnitzel aus der Oberschale, das orientalische Menü und den gegrillten Oktopus«, lachte er sie entwaffnend an, obwohl er mit sich rang. Nachdem er jedoch ihre Stirnfalte bemerkte samt zusammengekniffenen Lippen, die sie immer bekam, wenn sie offenkundig wütend wurde, lenkte er ein: »Obgleich du natürlich recht hast. Jedes Jahr an Ostern nach Oberammergau zu fahren ist sicherlich nicht jedermanns Sache. Zwar kennen wir die nähere Umgebung, Oy-Mittelberg haben wir uns hingegen noch nicht angesehen«, gab er zu bedenken und nahm einen Schluck Kaffee. »Aber ich stimme dir zu, denn Oliver zu besuchen, ist eine prima Idee. Von Obing aus sind wir mit unserem „Opel Karl“ schnell in Salzburg, können uns dort bestimmt „Die Fledermaus“ im Operettentheater ansehen und in einem Kaffeehaus direkt an der Salzach Salzburger Nockerln genießen, so wie ich es in jungen Jahren zusammen mit Oliver gemacht habe«, grinste er und sah sie dabei mit einem entrückten Gesichtsausdruck und funkelnden Augen an.

Ottilie gab ihm einen Moment sich zu sammeln, stand auf, ging die wenigen Schritte zum Büfett, nahm ein Glas heraus und hielt es unter den Wasserhahn am Spülbecken. Den Inhalt trank sie auf ex, wandte sich zu ihm und strich, während sie sich niederließ, die ovale Tischdecke glatt.

Ein kurzer Blick auf sein Antlitz genügte und sie wusste, Othmar befand sich wieder in der Gegenwart.

»Ja, du hast ja recht, wir verbrachten wirklich eine tolle Zeit in Oberammergau, und ich möchte sie auch nicht missen«, hielt sie inne und streichelte sanft mit den Fingerspitzen seinen Handrücken. »Ich bin so glücklich, mit dir an Ostern mal woanders hinzufahren, das kannst du dir gar nicht vorstellen!«

»Oh doch, das kann ich, liebste Ottilie! Und wenn ich ehrlich bin, freue ich mich schon jetzt auf ein Wiedersehen mit Oliver«, schmunzelte er. »Ich werde ihn gleich anrufen, damit er sich Ostern nichts vornimmt«, versprach er und drückte ihr einen Kuss auf die Wange bevor er aufstand.

Ende

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