Ö wie Ödipus – Jamira Petosch

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Sie trafen sich bei einer Lesung von Ödön von Horváths Werken im Ötztal und schienen füreinander bestimmt zu sein, Sören und Dörthe. Beide frönten dem Ökotourismus und setzten sich für die Ölunabhängigkeit ein. Ein Leben ohne Erdölprodukte? Durchaus machbar, meinten sie, die beiden Österreicher und vertraten diese Ansicht auch in öffentlich-rechtlichen Fernsehsendungen, die ölverseuchten Meere mit ihrem sensiblen Ökosystemen würden es ihnen und den Generationen nach ihnen danken. Denn die Zeit wäre überreif für ökonomisches Handeln. Ölpipelines auf dem Meeresgrund trügen sicherlich nicht zu einem ökologischen Gleichgewicht der Natur bei. Freunde in den ölexportierenden Ländern, deren Oberhäupter mit ihrer Ölpolitik Millionen verdienten,  machten sie sich dadurch nicht.

Sören, gelernter Önologe mit eigenem Weingut in Göttweig im Kremstal bestimmte den Öchslegehalt am liebsten selbst und fand in Dörthe, die als Ökobäuerin Ölkürbisse in der Südoststeiermark anbaute und ihre Plantage mit Ökostrom betrieb, eine Freundin auf Augenhöhe. Er und sie spielten in ihrer Freizeit Flöte. Sören Querflöte mit seiner Mutter Börke und Dörthe Panflöte mit ihrem Vater Ödipus. Für gegenseitige Besuche nutzten sie die öffentlichen Verkehrsmittel. Sie telefonierten öfters am frühen Abend und klönten bis tief in die Nacht.

Ein gemeinsames Altwerden war ihnen leider nicht vergönnt.

Von ihrem zweiten Urlaub, den sie fünfunddreißigjährig auf Öland verbrachten, kehrten sie nicht wieder zurück. Spaziergänger fanden sie nahe den Strandkörben kahlköpfig im Sand liegend. In ihren Oberkörpern steckten arabische Säbel.

Ende

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