Paps

Paps

Mit seinem alten rostigen Lieferwagen rumpelt Alfred die schmale Bergstraße hinunter. In den Kurven schaukelt der Transporter und dem eigentlich versierten Fahrer ist gar nicht wohl dabei. Trotzdem tritt er aufs Gas, als sei der Leibhaftige hinter ihm her. Konzentriert starrt Alf auf das Kopfsteinpflaster und wünscht sich, er möge nie ankommen. Dort, wo er hinfährt aber nicht hin will.

Das Krankenhaus hat angerufen. Es ist was mit Martha. Seit sechs Wochen liegt sie nun schon im Koma. Die Ärzte sind ratlos und Alfred verzweifelt. Seine Tochter wurde auf dem Heimweg vom Abiball von einem angetrunkenen Mitschüler mitgenommen. Sie und zwei weitere Mitschüler sind kurz nach der Kreisstadt verunglückt. Martha hat als Einzige überlebt. Wenigstens das. Aber ist es noch Leben? Verdammt. Und jetzt ruft das Krankenhaus an und sagt, Alfred soll kommen. So schell er kann. Was, wenn sie schon tot ist? Wenn er zu spät kommt?

„Komisch“, denkt Alfred sich kurz vor der Stadt, „es ist überall so dunkel. Das passt gut zu meiner Stimmung. Und das ist wohl auch kein gutes Omen. Wenn Martha stirbt, hält mich hier nichts mehr. So schwarz wie die Nacht wird dann mein Leben sein.“ Mit quietschenden Bremsen hält er vor der Klinik. Die nächsten Handgriffe laufen mechanisch ab. Licht abstellen, abschnallen, aussteigen und los laufen. Abschließen braucht Alf sein Auto nicht. Wer das klaut, ist selbst dran schuld. Schnellen Schrittes geht Alfred über den knirschenden Kies und verschwindet hinter den großen schweren Eingangstüren. Die zwei Treppen zur Station steigt er hinauf. Blass und müde und hoffend, dass Martha noch lebt, geht er den langen Flur entlang und klopft an die Tür des Schwesternzimmers.

„Herr Reimers, wie schön, dass Sie schon da sind.“

„Ich bin direkt nach dem Anruf losgebrettert. Wie geht es ihr?“

„Kommen Sie mit, Herr Reimers. Ich begleite Sie ins Zimmer.“

Verunsichert mit bangem Blick öffnet Alf die Tür. Mehrere Ärzte und Schwestern stehen um Marthas Bett. ‚So schlimm steht es also‘, denkt Alf und tritt leise näher. Der Oberarzt bemerkt ihn und macht Platz.

Alfred traut seinen Augen nicht. Martha ist wach. Blass und erschöpft liegt sie in den weißen Kissen, aber sie hat die Augen geöffnet und lächelt. „Nicht weinen, Paps!“, sagt sie leise und Alfred kniet sich vors Bett, nimmt Marthas Hand und stammelt nur immer wieder: „Gott sei Dank!“

Später im Gespräch erklärt Dr. Weißmüller, dass es durch den Stromausfall dazu kam, dass die Geräte für einen kurzen Moment nicht betrieben wurden, weil das Notstromgerät einige Sekunden brauchte. Wir hatten schon Panik, weil normalerweise das Gerät sofort ansprang. In diesem Fall war es ein Glücksfall, dass es zu diesem Zwischenfall kam. Die fehlende Beatmung muss Martha den Impuls gegeben haben, selbst wieder aktiv zu atmen. Mit dem Einsetzen des Notstroms und der künstlichen Beatmung zeigte das Überwachungsgerät vermehrte Hirnaktivität an. „Wir haben Sie gerufen, weil die vertraute Stimme Ihre Tochter bestimmt eher angesprochen hätte, als unsere, die sie nicht kennt. Aber als eine Schwester sagte: ‚Herr Reimers kommt sofort. ‘, schlug Ihre Tochter die Augen auf und sagte leise: ‚Paps‘.

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