Q wie Quickstep – Jamira Petosch

Q wie Quickstep – Jamira Petosch

Quendolina wuchs zusammen mit ihren sieben jüngeren Geschwistern und den Eltern in Kanada auf. Ihre Großeltern aus dem Stamme der Quatsino lebten bis vor drei Jahrzehnten noch auf Vancouver Island, bevor sie zum Qu’Appelle River wanderten und sich in dem dünn besiedelten Quellgebiet niederließen. Dem uralten Brauch gemäß fingen alle Vornamen ihrer Familienangehörigen mit dem Buchstaben Q an. Sie hielten zwei Quaggas, die letzten ihrer Art, rosafarbene Hängebauchschweine, bauten Lauch, Queller und Quinoa an und aßen vorzugsweise Quinoa-Queller-Quiche mit warmem Lauchsalat.

Schule und Klassenräume kannten Quendolina und ihre Geschwister nicht, denn der Weg dorthin bedeutete eine Tagesreise auf unwegsamem Gelände. Die Eltern lehrten sie in dem geräumigen Blockhaus alles, was sie selbst wussten, vom Quittenvogel über Quantenphysik, was man mit einer Queue anfängt, wie man Quitten verarbeitet und Quittungen schreibt. Sie erfuhren, was Don Quijote erlebte, wie man mit Querulanten, Quälgeistern, Quacksalbern und Quecksilber umgeht, Wiesenkräuter und Quecken für die Gesundheit nutzen kann und konnten die Begriffe Quadratwurzel, Liquidation, Quäker, Queen, Qigong, Reliquien, Äquator, Quote, Status Quo und Plusquamperfekt einwandfrei erklären.   

Die Abende verbrachten sie mit Quizzen und Quartettkarten spielen, denn Strom stand nicht unbegrenzt zur Verfügung.

Kaum vollendete Quendolina ihr fünfundzwanzigstes Lebensjahr fühlte sie sich lebenserfahren genug, um ihrem Elternhaus „adieu“ zu sagen. Mit ihrem Zwillingsbruder Quirin und den beiden Quaggas brach sie in der Morgendämmerung nach Regina auf. Ihr Vater gab ihnen neben einem Kompass auch genaue Anweisungen, wie sie am besten in die Stadt kommen konnten, um nicht im Quadrat zu laufen, so wie es ihm vor Jahren einmal erging. Aus lauter Panik, sich verirrt zu haben, stürzte er damals über einen Baumstamm, blieb an einer Wurzel hängen und quetschte sich dabei den linken Fuß. Dank eines Satellitentelefons, das er bei sich hatte, setzte er über die Notruffrequenz einen Hilferuf ab. Glücklicherweise fanden sie ihn noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit und brachten ihn ins Ranger-Hauptquartier. Nur durch konsequentes Befolgen der ärztlichen Anordnungen genas er in kürzester Zeit. Quendolina und ihre Geschwister kannten die Geschichte schon seit ihrer frühesten Kindheit, denn zu jedem Jahrestag erzählte er sie. So sahen sich die Zwillinge auch jetzt nur an, rollten mit den Augen und quakten dazwischen, es wäre nun Zeit zum Verabschieden.   

Zwei Tage dauerte die Reise mit Quirin. Sie übernachteten in einem Zelt an einem See inmitten eines Tannenwaldes, träumten am Lagerfeuer von der großen weiten Welt, in der es sicher auch noch etwas anderes, Quirligeres gab, als das beschauliche, einfache Leben, das sie bisher kannten und aßen dabei Quinoakuchen.

Am nächsten Vormittag erreichten sie Regina, quartierten sich in einer Herberge und die Quaggas in einem Stall ein, tranken am Abend in einem Pub Daiquiri und Tequila on the rocks und lernten dort eine Tanzgruppe aus Quickborn kennen, die auf der Busfahrt von Edmonton nach Québec in Regina einen Zwischenstopp einlegte. Quendolina freute sich sehr, als Jaqueline, die Reiseführerin, sie einlud, mit ihnen zu reisen, denn auch sie wollte mehr von Kanada sehen. Quirin, der seine Schwester nun in sicheren Händen wusste, trat mit den Quaggas am nächsten Morgen den Heimweg an. Denn der Vater Quinto brauchte ihn für die tägliche Arbeit. Schweren Herzens verabschiedete sich Quendolina von Quirin und versprach, jeden Monat zu schreiben.

Vier lange Tage und noch längere Nächte dauerte es, bis sie in Québec ankamen. Zeit genug, um mit Jaquelines Truppe quasi auf Tuchfühlung zu gehen. Bereits nach wenigen Stunden verliebte sich Quendolina in Quinlan, der von einer Quarterbackkarriere in der „NFL“ träumte. Doch bis dahin schien es ein weiter Weg zu sein, sollte er doch nach dem Willen seines Vaters in dessen Fußstapfen treten, so wie er die Golflaufbahn einschlagen und die familieneigenen Golfplätze rund um Quakenbrück übernehmen. Quinlan hingegen erbat sich ein Jahr Bedenkzeit und nahm den Rat seiner Mutter an. Sie, die in ihrer Jugend begeistert lateinamerikanische Tänze einstudierte, empfahl ihm für sein Sabbatical ihren ehemaligen Tanzclub in Quickborn. Denn schon früh bemerkte sie Quinlans Begabung, sich zu jedweder Musik rhythmisch zu bewegen. Quendolina erfuhr kurz vor Québec dann auch, weshalb sich die Gruppe in Kanada befand: Als schleswig-holsteinische Landesmeister beim Quadrille-Tanzen, Deutsche Meister beim Quickstepp und Vizeweltmeister beim Western Square Dance hofften sie mit ein Quäntchen Glück auch bei den kanadischen Meisterschaften zu punkten.   

Quendolina saß in der ersten Reihe und verfolgte begeistert jeden einzelnen Schritt. Als Jaqueline den Weltmeisterpokal im Western Square Dance für ihre Gruppe entgegennahm, beschloss Quendolina mit ihnen nach Deutschland zu reisen und Quinlan irgendwann in den nächsten Monaten ihrem Vater vorzustellen.

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