Russisches Geburtstagsbrot

Russisches Geburtstagsbrot

Mein Beruf macht Spaß. Eigentlich gehe ich gar nicht arbeiten. Ich treffe Leute und unterhalte mich. Als Dozentin in der Erwachsenenbildung gebe ich ganz unterschiedliche Kurse. Ebenso vielfältig sind die Themen und vor allem auch die Kursteilnehmer. Es ist unheimlich interessant, zu erfahren, was die Leute bisher so gemacht haben, was sie noch vorhaben und was sie sich von meinen Kursen erhoffen. Meistens arbeite ich für Bildungsträger, die ihre Kursteilnehmer von der Arbeitsagentur „geschickt“ bekommen.

Für mich sind die Teilnehmer meine Kunden. Deshalb bemühe ich mich auch, ihnen nicht das Gefühl zu geben, dass die Kurse Zwang sind, sondern dass es auch eine Chance für die Teilnehmer ist, neue Impulse zu bekommen für ihr weiteres Leben. Als Freiberuflerin ist es mir wichtig, Wertschätzung meiner Kunden deutlich zu machen. So achte ich immer besonders darauf, ob in meinen Kursen Jemand Geburtstag hat. Dann gibt es ein Blümchen und Pralinen für das Geburtstagskind und für die ganze Gruppe Kaffee und Kuchen oder Kekse.

In meinem ersten Kurs, den ich gegeben habe, wollte ich den Kuchen noch selber backen. Meine Hausfrauenqualitäten sind leider aber nicht so herausragend. Trotzdem: Für einen Selterskuchen habe ich die Zutaten eigentlich immer im Haus.

Schnell ist der Teig zusammengerührt und nach 20 Minuten Backzeit, steht der Kuchen dampfend vor mir. Beim Lösen vom Blech zerfällt mir das schöne Gebäck. Auweia. Für einen neuen Kuchen habe ich die Zutaten nicht mehr. Aber wie sagte meine Mutter schon immer? Dumm kannst du sein, du musst dir nur zu helfen wissen. Flink kippe ich alles was ich finde und was in etwa als Kuchenzutat durchgehen könnte in den Brotbackautomaten. Angestellt und hingesetzt. Nach mehreren Stunden – die Uhr geht inzwischen auf Zehn des Nachts, gibt der Automat endlich sein duchdringendes Piepen von sich.

Ratlos sitzen meine Töchter und ich vor dem umförmigen Klotz auf unserem Tisch. „Ich glaub ich schmier da noch ein bisschen Zuckerguss drauf.“, sage ich. 

„Wie wollen wir das Ding nennen? Nur falls dich jemand nach dem Rezept fragt.“ Erwartungsvoll schaut Marie mich an.

„Hmm. Gute Frage.“

„Nenn ihn doch italienischen Brotkuchen.“, schlägt Anne vor.

„Das geht nicht. Das Geburtstagskind ist Italienerin.“

„Hast du auch einen Chinesen im Kurs?“

„Ja.“

„Aus welchem Land ist denn keiner?“

„Ukraine zum Beispiel.“

„Dann ist es ein ukrainisches Geburtstagsbrot.“, verkündet meine Jüngste.

„Ok. Ich sag euch morgen, wie es ankam.“

Meine Kursteilnehmer waren zu höflich, um mir zu sagen, wie es schmeckte. Aber seitdem kaufe ich immer Kekse, wenn ich ein Geburtstagskind im Kurs habe.

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