Übergangen

Übergangen

Fast lautlos geht Helen an der geschlossenen Tür des Konferenzzimmers vorbei. Bloß jetzt nicht Robert begegnen. Am Ende des Flurs spürt Helen einen leichten Schwindel und merkt, dass sie vor lauter Angst den Atem angehalten hat. Sie holt dreimal tief Luft und geht die Treppe hinunter. Angela erwartet Helen bereits und gemeinsam gehen sie in die Mittagspause.

Die Sonne scheint Angela ins Gesicht. Das Coucou liegt sehr nah und bietet einen gesunden und abwechslungsreichen Mittagstisch. Bei schönem Wetter kann man draußen sitzen. Helen trinkt einen Schluck Wasser und rückt ihren Stuhl zurecht, so dass sie auch Sonne ins Gesicht bekommt. Während sie sich zurücklehnt sagt sie: „Ich glaube, es ist besser wenn ich kündige.“

„Kündigen? Spinnst Du? Du willst doch wohl nicht diesen Bombenjob aufgeben, nur weil Robert jetzt in der Chefetage sitzt?“

„Nein. Das ist es nicht. Aber wenn ich dies mal bei der Beförderung übergangen wurde, werde ich es das nächste Mal wieder. Ich hab doch nicht studiert, damit ich ewig die kleine Assistentin bin.“

„Trotzdem. Glaubst Du, es gibt eine Firma, die Dich gleich in die Führungsebene holt? Da bist Du auch nur Assi und wirst vielleicht auch wieder übergangen, wenn es ans Befördern geht.“

„Da magst Du recht haben. Nur ist es dann nicht mein Vater, der mich übergeht.“

„Helen. Robert bespricht doch seine Entscheidungen mit Dir und er ist Dein Mann. Unsere Firma ist ein Familienunternehmen. Dein Familienunternehmen.“

„Das nennst Du Familie?“

Angie schweigt betreten und ist sehr erleichtert, dass die Bedienung das Essen bringt. Schweigend widmen sich die beiden Freundinnen und Kolleginnen dem bunten Salat. Nach dem Essen trinken sie noch einen Espresso und gehen zurück ins Büro.

Helen setzt sich an ihren Computer und schreibt ihre Kündigung. Das Gespräch mit Angela hat ihr gezeigt, dass niemand verstehen kann, wie es ihr geht und wie schwer die Demütigung für sie ist, die ihr Vater ihr angetan hat. Ein Familienunternehmen? Helen schnaubt. Eine Familie hätte sie nur gehabt, wenn sie ein Sohn wäre. Als Tochter war sie zur Sekretärin geeignet, aber doch nicht zur Juniorchefin. „Hätte ich das gewusst, hätte ich Design studiert und nicht Maschinenbau.“, denkt Helen bitter. Langsam steht sie auf und nimmt das Schreiben vom Drucker. Schwungvoll unterschreibt sie und geht hinüber ins Büro ihres Vaters. Frau Stegemann, die Vorzimmerdame, lächelt Helen an. „Schön, Sie mal wieder zu sehen.“

„Danke. Frau Stegemann, unterschreiben Sie mir bitte, die Empfangsbestätigung und geben Sie dies Schreiben meinem Vater!“

„Aber natürlich.“

„Vielen Dank.“

„Nichts zu danken. Auf Wiedersehen Helen.“

„Tschüss Frau Stegemann.“

Zurück in ihrem eigenen Büro packt Helen die wenigen privaten Sachen ein, die sich in ihrem Schreibtisch befinden und geht nach Hause. Ihr Handy schaltet sie aus. Eilig wirft sie ein paar Sachen in einen Koffer und fährt zum Flughafen. Am erstbesten Schalter bucht sie einen Last Minute Flug und fühlt sich frei wie lange nicht mehr. In der Bar nippt sie lächelnd an ihrem Cocktail. Zwei Wochen Sardinien. Ohne Firma. Ohne Robert und ohne ihren Vater.

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