Verzeih mir

Verzeih mir

Abgegriffen sind die Ränder der Fotografie. Wie sollten sie auch nicht abgegriffen sein. Schaue ich das Foto doch jeden Tag unzählige Male an. Wer kann schon von sich behaupten, den letzten glücklichen Moment in seinem Leben, festgehalten zu haben? Ich.

Unser Picknick auf der Blumenwiese unweit des Baches. An jenem strahlenden Sonntag. Ja, das war Glück, was ich da empfand. So nah waren wir uns. Plauderten, lachten und liebten uns. Gegessen haben wir auch. Die Feigen mit Schafskäse und schwarze Oliven. Immer gab es Feigen mit Schafskäse und schwarzen Oliven. Die magst du so gern.

„Woran denkst du?“, habe ich dich gefragt.

„Vielleicht wird es nie wieder so schön.“ Traurig waren deine Augen und es wurde nie wieder so schön.

Tags drauf bekamst du die Ergebnisse deiner Blutuntersuchung. Unglaublich. Du bist HIV – positiv.  Hat einer deiner Patienten dir nicht gesagt, dass er infiziert ist? Oder wusste er es  nicht? Hast du schon andere infiziert? Außer mir. Immer wieder fragtest du dich: Wer? Wann? Wie?

Der Befund heißt noch nicht, dass man AIDS bekommen muss, trösteten wir uns gegenseitig. Die  Möglichkeit besteht jedoch, dachte ich. Wir leben weiter wie bisher, nahmen wir uns vor. Unsere Unbeschwertheit fanden wir nicht mehr. Deine Zahnarztpraxis musstest du schließen. Keine Arbeit mehr, keine Aufgabe. Nur noch wir beide. Tag für Tag. Aufmerksam nahmen wir jede Veränderung am Anderen wahr. Ein Pickel, ein Ausschlag, Fieber. Ist es AIDS? Geht es jetzt los?

Ja. Bei mir geht es jetzt los. Vergesslich bin ich und Flecken zeichnen meinen Körper. Jeden Morgen fühle ich mich etwas schwächer. Du weißt es noch nicht. Ich will dir nicht zeigen, wie man stirbt an dieser Krankheit. Will nicht vor dir, mich auflösen und heulend und jammernd dich anflehen, mir Leben zu schenken. Will auch nicht, dich weinen sehen und das Fragen unserer Freunde hören „Warum ihr?“. Du würdest dich schuldig fühlen. Verdammt! Du bist nicht Schuld. Niemals, nicht einen Augenblick in diesen letzten sieben Jahren habe ich dir die Schuld gegeben. Auch deinem Patienten, von dem wir nicht wissen, wer es ist, habe ich keine Vorwürfe gemacht. Es kam in unser Leben und schwebte über uns. Auch bei jedem Picknick. Es war nie wieder so schön.

Nun zeigen sich bei  mir die Symptome. Eindeutig. AIDS. Der Kampf geht in die letzte Runde. Ein Kampf, den ich nicht kämpfen will, nicht verlieren will. Körperlich bin ich lange schon schwach. Ausgezehrt. Dünn. Diesmal will ich noch einmal stark sein. Für dich.

Mein Entschluss steht fest. Noch habe ich die Energie, ihn umzusetzen. Und den festen Willen. Die Erinnerung, wie ich gehen muss und wo der Weg lang führt. Du wirst es nicht verstehen, nicht erfahren, dass ich es für dich tue. Wirst denken, ich hätte dir nicht verziehen, dich verlassen.

Nun, während du in der Selbsthilfegruppe sitzt, stehe ich hier auf den Klippen. Das abgewetzte Foto in meiner Hand. Gesund – wir beide. Lachend auf der Wiese. Glücklich. Ich liebe Dich immer noch oder noch mehr. Die tosende See wälzt schwere Wellen in die steinige Bucht. Der Wind geht scharf. Kurz denke ich, dass ich mich erkälten werde. Wie Absurd, das zu denken. Tränen rinnen mir die Wangen herunter, tropfen auf uns. Ich küsse sie weg, flüstere dir „Verzeih mir!“ ins Ohr. Presse das Bild an meine Brust. Sehe dich vor mir, in deinem geblümten Kleid. Du reichst mir die Hand. Dein Lachen kann ich hören. Das Blitzen deiner weißen Zähne sehen. „Verzeih mir!“, flüstere ich wieder und springe in die Tiefe.

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