Y – wie Yucatán   – Jamira Petosch

Y – wie Yucatán – Jamira Petosch

»Ist der Chardonnay schon wieder alle, Jeffrey, oder wo hast du die letzte Flasche versteckt?«, brummte Yves in seinen Viertagebart, tauchte mit gerötetem Gesicht aus den Tiefen des Mahagonischrankes auf, drehte sich zu seinem Freund um, der mit seinen eins neunzig lässig an der blau gestrichenen Tür zum Schlafzimmer lehnte und seine Unwissenheit durch Schulterzucken ausdrückte. »Haben wir tatsächlich alles leergetrunken, ohne rechtzeitig bei meinen Eltern in Chassy Nachschub zu ordern? Oh Mann, Jeffrey, wie konnte das nur passieren?! Wie sollen wir jetzt die Vorbereitungen für die Biologie-Arbeit über die Kyffhäuserzikade überstehen?«, jammerte Yves und runzelte die Stirn. »Ich werde gleich Barney, unseren Lieferanten, anrufen. Du kannst in der Zwischenzeit ja schon mal die Lyoner in die Pfanne werfen. Und Jeffrey, du weißt ja, wie ich sie mag, also gib dir bitte Mühe«, knurrte Yves, zog die Jeans in Form und zwängte sich an Jeffrey vorbei.

Und Jeffrey gab sich Mühe. Er deckte den Tisch im Esszimmer mit Tellern, Besteck und Weingläsern ein, stellte Rechaud, Currysauce und Weinkühler bereit, währenddessen Yves auf der Terrasse telefonierte. Danach schlich er sich in die Bibliothek und holte die tatsächlich letzte Flasche Chardonnay aus dem Geheimversteck in der Bücherwand. Spitzbübisch dachte er dabei daran, wie er Yves bei einem Glas Wein von der tollen Idee ihres Profs erzählen würde.

Beim Griff nach der Grillzange und dem anschließenden Wenden der Würste sinnierte er über seine ehemalige Gastfamilie im Département Yonne nach. Ein Jahr verbrachte er als Austauschschüler bei Yves´ Familie auf deren Weingut und verstand sich hervorragend mit dem Großvater Yannik, einem Mitglied der Société entomologique de France. Denn Jeffrey kam dank des Berufes seines Vater Garry früh mit der Entomologie in Berührung: In York befasste sich Garry mit der forensischen Entomologie. Und so kam es wie es wohl kommen musste, auch Jeffrey entwickelte bereits in der Kindheit ein Faible für Krabbeltiere aller Art und begeisterte seine Lehrer im letzten Schuljahr mit einem Essay über den Zylindrischen Walzenhalsbock.

Eineinhalb Jahre später ging Yves für zwölf Monate nach York zu Jeffrey. Zusammen mit Garry und seiner Frau Peggy unternahmen sie Ausflüge in die nahe und weitere Umgebung, verbrachten ein Wochenende in einer Lodge nahe Edinburgh und trafen am Palace of Hollyroodhouse sogar auf die Royals. Beim Essen kam Yves jedoch stets zu kurz. Er, an Zehn-Gänge-Menüs gewöhnt, tat sich sehr schwer mit der merkwürdigen Esskultur, die ihn in Jeffreys Elternhaus erwartete, wurde zusehends mürrischer und fing an, sich von Barney französische Delikatessen schicken zu lassen. Garry und Peggy hingegen mochten den jungen Burschen sehr. Nachdem auch Yves, genau wie ihr Sohn, in Deutschland Entomologie studieren wollte, kauften sie direkt am Ostseestrand für kleines Geld einen renovierungsbedürftigen Bungalow. Jeffrey und Yves sollten es nicht so weit haben nach Rostock zur Uni und sich auch handwerklich bewähren. Und ihr Plan sollte aufgehen – innerhalb weniger Jahre schafften sich die zwei ein behagliches Zuhause und lernten in ihrer Freizeit Keyboard und Yoruba spielen.

Ein plötzliches Fiepen des Rauchmelders brachte Jeffrey wieder in die Gegenwart. Gerade noch rechtzeitig konnte er die Würste retten, schaltete den Alarm aus, lief zu Yves und rief schon von weitem Richtung offene Terrassentür: »Keine Sorge, nichts passiert, war Fehlalarm, Yves, kommst du? Die Currysauce wird sonst warm!«, dachte dabei insgeheim an den Chardonnay und konnte nur mühsam ein Grinsen unterdrücken. Mit einem großen Fragezeichen im Gesicht empfing er Yves im Wohnzimmer, und erst im Flur, den sie hintereinander  entlang schritten, antwortete er auf Jeffreys unausgesprochene Frage: »Die nächsten Tage sind gerettet, Jeffrey! Barney schickt noch heute zwei Kisten Chardonnay per Eilboten hierher. Mit viel Glück dürften sie morgen Abend hier sein, perfekt, um über das Thymian-Widderchen zu sch…«. Abrupt blieb er stehen, als er die Bescherung auf dem Tisch sah, Jeffrey wäre beinahe in ihn hineingelaufen.

»Ja, was ist das denn, Jeffrey? Von wo hast du denn den Chardonnay hergezaubert, du Schlawiner, ich habe doch alles abgesucht?!«, wandte er sich lachend zu Jeffrey, winkte mit dem Zeigefinger, bevor er auf einem Holzstuhl Platz nahm. Jeffrey, den Mund zu einem Smiley verzogen, öffnete die Weinflasche, schenkte ihnen ein und setzte sich ihm gegenüber. »Glücklicherweise kennst du nicht alle meine Verstecke, Yves. Sorry, aber eine Flasche habe ich immer in Reserve. Außerdem habe ich noch eine viel schönere Überraschung für dich, Yves! Wir dürfen schon bald an einer dreijährigen Forschungsreise durch die Wildnis Yucatáns teilnehmen und nach der Ypsiloneule suchen. Du weißt, die Ypsiloneule ist der Schmetterling, den dein Opa so mag. Unser Prof wird auch dabei sein, na, ist das was, Yves?«

»Wow, Yucatán, ich komme! Das muss ich unbedingt sofort Yannik erzählen!«

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