Noch elf Leckerli

Ein Auszug aus meinem Buch – Aus dem Leben meines Therapiehundes

Überarbeitet und neu erschienen im Dezember 2020


Eigentlich sollte man meinen, dass ich nach der Geschichte mit dem Bungeeplüsch jede Hürde nehmen kann. Aber Denkste! Treppen scheinen mir immer noch unüberwindbare Hindernisse zu sein. Wenn ich aus dem Haus gehe, sehe ich rechts und links keinerlei andere Häuser, man hätte also auch in die Breite, statt in die Höhe bauen können. Menschen können wohl nicht so praktisch denken, scheint mir. Jedenfalls sitze ich vor diesen übereinander geschraubten Brettern und stelle mir vor, wie es hinter dieser Tür da oben aussieht. Marie scheint die normalste in dieser Chaotentruppe zu sein. Und sie verschwindet recht oft da oben. Sehnsüchtig schaue ich ihr hinterher.

Endlich bemerkt sie meinen traurigen Blick und trägt mich mal hinauf. Der flauschigste Teppich den ich je gesehen habe, kitzelt mir die Pfoten. Schokolade und Bonbons liegen auf dem Boden – ergo in Reichweite – ergo Zwarnichterlaubtabererreichbar. Heulen hätte ich können, als Marie mich wieder mit hinausnimmt. Unten angekommen setzt sie mich ab. Jeder der Schokolade mag, weiß, was man alles in Kauf nimmt um an Schoki zu kommen. Notfalls auch Treppensteigen. Wobei das bei den Menschen wohl eher dazu dienen soll, Schoki umgewandelt zu Hüftgold wieder loszuwerden. Auch wenn ich nicht verstehe, wie das eigentlich funktioniert. Wenn ich Schoki – oder egal was ich gegessen habe – wieder loswerden will, geh ich entweder kotzen oder kacken. Meistens letzteres. Aber ich schweife vom Thema ab. Ich sitze also unten an der Treppe und weiß ganz genau, dass es oben Schokolade gibt. Vorsichtig klettere ich aufs erste Brett. Gegen die Sprünge auf die Couch ist das Pillepalle. Also klettere ich weiter. Die nächste Stufe. Die Übernächste. Plumps! Verdammt noch mal. Muss denn immer am falschen Ende gespart werden? Was soll ich mit einem Geländer einen halben Meter über meinem Kopf? Ich bräuchte ein Brett hinter den Stufen, damit ich nicht durchfalle, wenn ich zuviel Schwung nehme. Scheu wende ich meinen Blick der Tür zu, sehe die vielen vielen Treppenstufen und  bedauere wieder ein Mal, dass ich nicht zählen kann.

Kira – die Unvergessliche. Sie kam nach meiner Krebserkrankung ins Haus und hat mir echt wieder auf die Beine geholfen. Als sie starb, habe ich ihr dieses Buch geschrieben. Die witzigsten Erlebnisse mit ihr – aus ihrer eigenen Sicht.

Vor lauter Frust fange ich an zu winseln. Das lockt Marie an. Nicht nur, dass dieses Kind die am wenigsten Verrückte aus der Familie ist, sie muss in ihrem früheren Leben ein Hund gewesen sein. Im Grunde genommen glaube ich nicht, dass irgendein Mensch einen Hund verstehen kann. Bei Marie aber habe ich das Gefühl, sie weiß genau, was in mir vorgeht. So auch jetzt. Sie tröstet mich. Und just in dem Moment wo ich vergessen habe, wie unangenehm es ist, von der Treppe zu fallen, lockt sich mich Stufe für Stufe hinauf. Relativ schnell ist mit klar, dass ich mit viel weniger Schwung auf die nächste Stufe muss. Dann passiert es auch nicht, dass ich hinten wieder runter kullere. Hoffentlich wachse ich ein wenig schneller in nächster Zeit. Immer noch muss ich mich mit dieser kugeligen Welpenfigur rumplagen. Zwar quietschen alle vor Vergnügen, wenn sie in einer wuscheligen, kuscheligen Fellkugel mein Gesicht suchen – ich könnte übrigens auch vor Vergnügen quietschen dann – aber im täglichen Leben, behindert einen diese Figur. Vor allem wenn ich schnell laufen will, überschlage ich mich oft und rolle wie eine Bowlingkugel durch die Gegend. Auf einer Treppe ins Rollen zu kommen, kommt einem Suizid gleich.

Stolz wie Oskar sitze ich oben vor der Tür. Wenn ich religiös wäre, würde ich sagen: „Es ist vollbracht!“ Religiös zu sein hat wirklich Vorteile. Man kann Beten und Hoffen. Beides täte ich gern, als ich mich umdrehe und die Treppe hinab schaue. Was hat mich denn geritten, die Stufen hier hinauf zu tappeln, ohne vorher auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, wie ich wieder hinunter komme? Nun sitz ich hier, ich armer Tor und zittere mehr als je zuvor. Dass Marie mehrere Stufen weiter unten sitzt, macht die Situation nicht einfacher für mich. Hilfesuchend schaue ich sie an. Ja seh ich denn richtig? Sie grinst mich an. Habe ich jemals gesagt, Marie ist mir die sympathischste aus diesem Haufen Irrer? Das muss ein IRRtum – im wahrsten Sinne des Wortes – gewesen sein. Noch während ich mich selbst und die ganze Welt verfluche, schleicht sich ein verlockender Duft in meine Hundenase. Fast so gut wie Schokolade. Hmmmmm – Leckerlis. Meine Lieblingsjoghurtdrops. Nein – leider nicht im Plural. Ein singularer Joghurtdrops liegt genau eine Treppenstufe unter mir – also weit weit weg. Noch weiter weg sitzt Marie und schaut mich erwartungsvoll an. Soll sie warten. Was den Drops angeht ist sie keine ernst zu nehmende Konkurrenz. Die hat wirklich die Arschruhe weg. Ich aber nicht. Unruhig trappel ich von einem Pfötchen aufs andere, aufs andere, aufs andere und retour und reretour und rereretour und …. Es müssen Stunden vergangen sein. Mein Drops hat inzwischen Laufen gelernt. Es schwirrt genau in Augenhöhe vor mir rum. Langsam kommt es näher und näher und als ich gerade zuschnappen will, huscht es einen halben Meter nach vorn. Ich hinterher und hoppla… Eine Stufe ist geschafft. Schlapp und unbeweglich liegt mein Drops auf der vorletzten Treppenstufe und rührt sich nicht mehr. Es riecht verdächtig nach Maries Hand. Sie wollte mir doch nicht ernsthaft mein Leckerli wegfressen? Egal – es mundet mir. Genüsslich schlinge ich den Drops hinunter. Wie – genüsslich und schlingen ist widersprüchlich? Der Genuss liegt nicht im Geschmack sondern im Erfolg. Das können Menschen vielleicht nicht verstehen. Sie müssen sich Joghurtdrops ja auch nicht erkämpfen. Wie im Rausch sonne ich mich in meinem Sieg, da sucht mich der Schatten der Erkenntnis heim. Es liegen noch ziemlich viele Treppenstufen vor mir und es liegen leider gar keine Drops mehr auf diesen ziemlich vielen Treppenstufen. So muss sich ein manisch depressiver Mensch fühlen, wie ich in diesem Augenblick.

Gerade will ich meine Mitleidsmine auf mein Gesicht zaubern, da höre ich wie Marie ruft: „Muttchen, bring mal noch elf Leckerlis!“ Preisfrage: Wie viele Stufen hat die Treppe?

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Dankeschön fürs Mitmachen

Y – wie Yucatán   – Jamira Petosch

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